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TIA Janus

Dragan Stojanović

Ironie und Bedeutung

Verlag Peter Lang.
Bochumer Schriften zur Deutschen Literatur
band 21, 1991.

 

INHALT

 


Einleitung

Die ursprüngliche serbokroatische Fassung dieses Buches (Belgrad 1984) beginnt mit einem einleitenden Kapitel, das hier ausgeblieben ist. Dort sind zahlreiche Formulierungen darüber, was "Ironie" ist, angeführt und vergleichend analysiert - von Aristoteles bis Friedrich Schlegel und von Theophrastos bis Quintillian, Pascal und Hegel, Kiekegaard oder Thiriwall und Thomas Mann -, und zwar nicht so sehr, um eine Klassifikation der "Definitionen" und Meinungen über die Ironie zu versuchen, sondern vor allem mit der Absicht zu zeigen, daß hinter demselben Wort bzw. Terminus verschiedene Begriffsinhalte stehen. Von einer Identität dieser Inhalte kann kaum die Rede sein, und selbst ihre Verwandtschaft kann, wenn sie denn besteht, höchstens durch komplizierte begriffliche Vermittlungen begründet werden. Es kam zu verschiedenen Verwirrungen, wenn man die Ironie als rhetorische Figur (oder Tropus) zusammendachte mit der Ironie als Wahrheitssuche, Lebensstil, Übermachts- oder Schwächezeichen in psychologischer Sicht, ethische Einstellung, als Weltprinzip, als "romantische" Ironie was das auch bedeuten mochte -, als Eros, "Geist", "Bewußtsein" usw. usf. Solches "Zusammendenken" war allerdings oftmals auch anregend und zeitigte neue und interessante Ideen in verschiedenen Gebieten der geistigen Schöpfung. Nur hat - nicht selten - die oft vollkommen unreflektierte Selbstverständlichkeit des jeweiligen Verständnisses der Ironie in einem bestimmten Zusammenhang in eine "Essayistik" geführt, in der man, wenn es darauf überhaupt ankommt, letzten Endes nicht mehr weiß, worüber tatsächlich die Rede war und welchem Phänomen die vorliegenden Behauptungen eigentlich gelten. Ein schon bestehender, im tradierten Wissen schon enthaltener Begriff der Ironie spielt insofern eine Rolle, als ohne ihn ein Verständnis dessen, was sich in einer neuen begrifflichen Artikulation entwickelt, schwer möglich wäre; seine negative Seite besteht im spontanen Übertragen der Elemente des schon vorhandenen (etwa rhetorischen) Verständnisses der Ironie auf ein neues Phänomen (etwa autokritische schöpferische Fähigkeit im Sinne Schlegels, Ironie als "epideixis der Unendlichkeit" usw.). Der Faktor der Negation, der fast immer in verschiedenen "Ironien" auf diese oder jene Weise da ist, genügt nicht, um die Ironie als solche "entdecken" oder bestimmen zu können. Es handelt sich um verschiedene Negationen und folglich um verschiedene Phänomene, die alle "Ironie" heißen. Um daraus stammende Verwirrungen zu vermeiden und zugleich auf die Gefahr hin, auf das Anregende und Allumfassende in der Beschreibung und im gemeinsamen Durchdenken verschiedener Arten von Ironie verzichten zu müssen, wurde hier die Entscheidung getroffen, die Semantik der Ironie, so wie sie im geschriebenen Text oder im Reden erscheint, zu untersuchen, was, wie sich gezeigt hat, auch zu verschiedenen hermeneutischen Fragen oder Problemen führte. Alles andere - Ironie als Mittel der Wahrheitssuche, als Eros, als epideixis der Unendlichkeit, als Freiheit, als "Schamhaftigkeit" des Geistes, als Ironie des Schicksals und was dergleichen mehr ist - bleibt anderen Forschern überlassen, nicht ganz ohne die Hoffnung übrigens, daß gerade eine wissenschaftlich begründete, behutsame semantisch-hermeneutische Analyse ihnen auch etwas anzubieten hat. So dürfte nicht nur mehr Klarheit oder Ordnung, sondern auch mehr Zuversichtlichkeit im Betrachten der Ironie zustande kommen. Aus diesem Grunde auch war sich hier der theoretisch verbindenden, also allgemein geltenden Ausführungen über die Funktionen der Ironie zu enthalten. Eine Analyse der möglichen Funktionen kann nämlich nur dann korrekt sein und zutreffen, wenn sie an ganz konkretem Material vorgenommen wird. Nur weniges kann im allgemeinen darüber gesagt werden. Nicht also alle denkbaren Funktionen der Ironie, wohl aber ihre semantischen Möglichkeiten und Effekte, von denen alle ihre Funktionen direkt abhängen, beschreiben zu wollen, war einer der leitenden Gedanken dieser Arbeit. In deutscher Sprache fehlt es nicht an mehr oder weniger breiten Überblicken über verschiedene Auffassungen der Ironie. Man hat in diesen Schriften manchmal auch versucht, bestimmte mit ihr verbundene theoretische Probleme festzustellen und zu lösen. Hier seien die Arbeiten von Ribbeck[1], Walzel[2], Allemann[3], Strohschneider-Kohrs[4], Pöggeler[5] und Japp[6] erwähnt. Besonders ist auf das nicht sehr umfangreiche aber umso nützlichere Buch von Ernst Behler Klassische Ironie - Romantische Ironie - Tragische Ironie. Zum Ursprung dieser Begriffe[1] hinzuweisen. Schließlich sind viele ursprüngliche Texte, die sich mit der Ironie befassen oder denen sie, wie bei Solger, sogar zugrunde liegt, auf deutsch geschrieben. Deshalb wurde auf das erste Kapitel der serbokroatischen Ausgabe verzichtet. Was bei den erwähnten Autoren fehlt oder rudimentär bleibt, genauso wie bei Jankélévitch[8], Knox[9], Boom[10] ..., ist gerade eine Semantik der Ironie. - Warum ist sie wichtig?

Die Untersuchung des Ironie-Phänomens aus der semantischen Sicht wirft ein neues Licht auch auf die Kommunikation, das Verstehen und das Deuten überhaupt als Elemente der menschlichen Kultur. Die Erhellung der Bedingungen für das Verstehen eines ironischen Textes setzt die Erklärung der besonderen Bewegung und Tätigkeit des verstehenden Bewußtseins voraus, die im "gewöhnlichen" Verstehen nicht vorhanden sind. Die Möglichkeit, aus dem Bestehen dieser spezifischen Bewegung und Tätigkeit des rezeptiven Bewußtseins bestimmte prinzipielle Schlüsse zu ziehen, die Untersuchung von prinzipiellen Folgen des Bestehens bzw. der Möglichkeit des Bestehens eines solchen Phänomens in der "Welt der Bedeutung", wie die Ironie es darstellt, ist eine Anregung und ein Grund für die Ausführung einer Semantik der Ironie. Die Erörterung der übrigen Inhalte, die in der Geschichte den Titel Ironie beanspruchten, wenn sie einmal, sei es auch nur in allgemeinen Zügen, gegeneinander abgegrenzt sind, darf man dann auch beiseite lassen, gerade in Anbetracht der Möglichkeit, die allgemeinen Probleme des Verstehens aus einer Perspektive zu erörtern, in der sie nicht nur schärfer zu sehen sind, sondern dank dieser Perspektive sie überhaupt erst irgendwie sichtbar werden: die analytische Arbeit an der Semantik der Ironie entdeckt neue theoretische Aufgaben.

Diese Arbeit richtet sich auf drei Grundfragen: l) wann liegt Ironie im Text vor; 2) welche Folgen hat dies für den Sinn des Textes; 3) was geht aus der Tatsache hervor, daß so etwas wie Ironie überhaupt möglich ist; auf welche allgemeinen Probleme weist das Bestehen des Phänomens der Ironie in der "Welt der Bedeutung" hin?

1 Otto Ribbeck, Über den Begriff des eiron. Rheinisches Museum N. F. 31 (1876), S. 381 ff.

2 Oskar Walzel, Methode? Ironie bei Friedrich Schlegel und bei Solger, in: Helicon I (1938), S. 33 ff.; Deutsche Romantik, Leipzig und Berlin 41918.

3 Beda Allemann, Ironie und Dichtung, Pfullingen 21969.

4 Ingrid Strohschneider-Kohrs, Die romantische Ironie in Theorie und Gestaltung, Tübingen 21977.

5 Otto Pöggeler, Hegels Kritik der Romantik, Bonn 1956; Ist Hegel Schlegel? in: "Frankfurt aber ist der Nabel dieser Erde", Stuttgart 1983, S. 325 ff.

6 Uwe Japp, Theorie der Ironie, Frankfurt/M 1983.

7 Darmstadt 1972.

8 Vladimir Jankélévitch, L'Ironie, Paris 1964.

9 Norman Knox, The Word Irony and its Context 1500-1755, Durham, North Carolina 1961.

10 Wayne C. Booth, A Rhetorc of Irony, Chicago and London 1975.

 


Verstehen und Deuten

l. Verstehen der Ironie - Vorausblick

Ironie erscheint sowohl beim Reden als auch im schriftlichen Text. Den alten Rhetorikern schwebte hauptsächlich die Situation vor, daß streitende Parteien einander zu besiegen trachten, so daß sie zu diesem Zweck die rhetorischen Kunst benötigen; sie ist ihre "Waffe". Die Ironie erscheint für sie – wie auch andere Figuren – vor allem im Rede-"Text".

Auch dann, wenn man die Ironie als (dialektisches) Mittel bei der Suche nach der Wahrheit betrachtet, dessen sich Sokrates, nach Erkenntnis strebend, mit so großem Erfolg bediente, handelt es sich um das Gespräch, den Dialog, also um das Reden.

Der modernen Semiologie, Hermeneutik, Literaturwissenschaft, Literaturkritik und auch der Ideologie ist mehr an schriftlichen Texten gelegen und also auch an der Einsicht in die Ironie, die darin erscheint oder erscheinen kann. Eine Analyse, die die semantischen Aspekte der Ironie in diesen beiden Gebieten, dem des Gesprochenen und dem des Geschriebenen, behandelt, muß sich zunächst auf das jeweils Spezifische und auf die gegenseitigen Beziehungen beider konzentrieren. Das soll zur Antwort auf die Frage führen: Was wollte man sagen (mitteilen und manchmal auch tun, im Sinne J. Austins) und was kann (bzw. soll oder muß) man verstehen, wenn es sich um das Reden und wenn es sich um einen Text handelt? Um hierauf eine Antwort zu erhalten, muß man sich auch mit der Beziehung des Autors zum geschriebenen und zum gesprochenen Text beschäftigen. Das Dreieck: der Verfasser, seine geschriebene und seine mündliche Formulierung bestimmt den Boden der vorherigen Erörterung, welche eine Analyse der Ironie ermöglicht. In diesem Dreieck erscheinen mehrere einzelne, miteinander verbundene Themen, die theoretisch zu betrachten sind. Eines der ältesten - wenigstens in der europäischen Tradition - ist das Bedenken hinsichtlich der Wirksamkeit des geschriebenen Textes. Die Befürchtung, daß eine bestimmte Sprachformulierung nur ein "toter Buchstabe" bleibt, das grundsätzliche Mißtrauen gegen die Möglichkeit des Geschriebenen gegenüber dem Vertrauen auf das Gesprochene bedeutet indes nicht nur die Rückkehr zu den alten Auseinandersetzungen, die vorwiegend eine historische und pädagogische Bedeutung haben. Diese Befürchtung und dieses Mißtrauen sind gerade die Antriebe einiger gegenwärtiger philosophischer und wissenschaftlicher Unternehmungen. Der Frage nach einer eigenartigen Unwirksamkeit des Geschriebenen entgegengesetzt, erscheint in unumgänglicher Folge die nicht weniger bedeutende Zwillingsfrage nach der Sicherung der Beständigkeit und Identität des Sinnes einer sprachlichen Formulierung und nach der Rolle der Schrift dabei. Verba volant, scripta manent. Damit ist zwar nicht gesagt, daß es ohne weiteres und in jedem Fall unmöglich ist, dasjenige, was die Bedeutung herstellt oder lenkt, sie von anderen Bedeutungen abgrenzt oder sogar ihre Identität sowohl in der Zeit, als auch für verschiedene Menschen, die sie verstehen, verbürgt, derart zu bestimmen, daß es der mündlichen und der schriftlichen Sprachformulierung gemeinsam wird. Aber selbst dann, wenn eine solche bestimmende, für eine derartige Verbürgung geeignete Grundlage besteht, und wenn es möglich ist, sie zu beschreiben, ist die Rolle der Schrift bei der Sicherung der Beständigkeit und der Identität des Sinnes eine besondere.

Damit im Zusammenhang steht auch die Frage nach der Art und Weise der Anwesenheit des Autors im geschriebenen und im gesprochenen Text, nach der Möglichkeit der Übereinstimmung bzw. Nichtübereinstimmung der Intention des Autors mit der Intention des Textes an sich. Was von der intentionalen Quelle, welche der Autor darstellt, im Text anwesend ist, woran diese Anwesenheit erkannt wird und wodurch überhaupt das Bestreben, dies festzustellen, bestimmt ist – für all dies ist es wichtig, gerade bei der Erforschung der Ironie sich im klaren zu sein, daß sie weder begriffen noch erklärt werden kann, wenn der Zusammenhang zwischen dem Text und dem entsprechenden Kontext, gleichviel ob mündlichem oder schriftlichem, nicht begriffen und erklärt wird.

Wenn derjenige, der einen ironischen Text formuliert, nicht nur eine bestimmte Intention in den Text "einbaut", sondern auch das Sinnpotential des Kontextes einbeziehen muß, und dies gerade deshalb, damit der Text jenem, der ihn verstehen soll, als ironisch erscheint, dann ist es von Bedeutung, ob er dabei glaubt, er sei in dem von ihm formulierten Text "anwesend", und ob seine Intention, als die Intention seines Textes, schon alleine die Sinnmöglichkeiten des Kontextes engagieren kann, was zur Entstehung des ironischen Phänomens unumgänglich ist, oder ob dazu eine besondere intentionale Tätigkeit nötig ist. Die Sache ist desto komplizierter, als derjenige, der einen mündlichen oder schriftlichen Text versteht, indem er ihn hört oder liest, auch selbst im eigenen Verstehen ein entsprechendes kontextuelles Sinnpotential engagieren und den Text ironisch verstehen kann, obwohl dies nicht die Intention seines Autors war.

Es ist also klar, warum das Unterscheiden von mündlichem und schriftlichem Text von Bedeutung ist. Der gesprochene Text wird der Regel nach in einem andersartigen Kontext verstanden als der geschriebene, so daß auch die Wechselbeziehungen beider mit den jeweiligen Kontexten entsprechend verschieden sind. Die Ironie in einer ironischen mündlichen Ausführung ist, semantisch gesehen, das gleiche Phänomen wie im geschriebenen Text (wobei sie als solche eine verschiedene Funktion haben kann), aber diese Ausführung entfaltet sich in der Unmittelbarkeit einer Situation und als einmaliges Ereignis, so daß die Intention der Ausführung in Berücksichtigung der Offenheit der Situation und der Unabgeschlossenheit des Ereignisses an Ort und Stelle sich den den Kontext bildenden Umständen anpaßt. Wenn es sich um ein Gespräch handelt, paßt sich die Intention der ironischen Ausführung seinem Verlauf an, kämpft gegen die anderen im Dialog artikulierten Intentionen, setzt sich ihnen entgegen, stimmt zu und ändert die Richtung und den Inhalt, solange die Artikulation andauert. Oft ist die Ironie auch selbst gerade ein Moment dieser Bewegung der Intention, mit der sie sich dem nicht voraussehbaren Gespräch anpaßt, indem sie diese Unberechenbarkeit beeinflußt oder schafft.

In der mündlichen Formulierung wird der Autor eher als Ganzes seiner konkreten Existenz mitverstanden als Quelle der Intention, die den Sinn des Gesprochenen unmittelbar bestimmt, als dies bei dem schreibenden Autor, dessen Artikulationswille den Text gestaltet, der Fall ist. Die Frage des Abstands – oder sogar der Kluft – zwischen der Quelle der Intention und dem Text stellt sich zugespitzt dar, denn der Text als schriftliche Formulierung kann weder einen Dialog führen, noch sich der Situation gemäß ändern. Er ist "fixiert", und eventuelle Änderungen sind nur auf Seiten jener möglich, die den Text verstehen. Die intersubjektive Zugänglichkeit des Textsinnes sollte seine Beständigkeit in der Zeit und bezüglich verschiedener Rezipienten voraussetzen. Die Antwort auf die Frage: was ist Ironie? führt zur Betrachtung eines spezifischen Spiels zwischen Text und Kontext, das also den Ausgangspunkt einer solchen Betrachtung bildet, bestimmt durch den Fragenkreis nach Beständigkeit und Veränderlichkeit des Textsinnes.

Die Wahrnehmung jener Beziehungen zwischen Text und Kontext, die auch erst das Verständnis der Ironie im Text ermöglicht, ist die Grundlage für das Verstehen der in ihm wirkenden Ironie zu verschiedenen Zeiten. Der geschriebene Text "geht" durch die Zeit, während die Ironie in dem mündlich formulierten Text von der Unwiederholbarkeit der Situation, in der sich die Formulierung einmalig entwickelt, abhängt. (Die Wiederholung bzw. Wiederholbarkeit eines mündlich formulierten Textes – etwa im Gebet, das man flüstert, in den alltäglichen Begrüßungen, in den Militärberichten oder in anderen solchen Syntagmen – führt besondere Elemente in die Erforschung seines Sinnes ein. Grundsätzlich bedeutet auch hier die Wiederholung desselben Textes nicht notwendig, daß er auch denselben Sinn hat; der gewünschte Inhalt wird nicht nur durch die Bewahrung der Identität des Textes gesichert, sondern auch durch die Forderung eines bestimmten Verhältnisses zu ihm. Die Kirche etwa verlangt, daß das Gebet derart ausgesprochen wird, daß in die immer gleichen Worte die Seele des Betenden hineingetragen wird; ein "mechanisches" Aussprechen der bloßen Worte genüge nicht. Mutatis mutandis, auf ähnliche Weise soll man sich auch zum Eid, zu einigen Typen rechtlich relevanter Aussagen usw. verhalten.)

Die Frage ist also, was vom Wesen des Autors, von seinem Artikulationswillen, wirklich im Text gerettet ist. Andererseits jedoch ist es gewiß, daß der Text, seine textuelle Intention bewahrend, überdauert, abgesehen davon, daß die konkrete Autorenexistenz schwer und vielleicht überhaupt nicht in ihm erkannt werden kann, daß der Autor die "Quelle" des Sinnes ist, zu der es keine Rückkehr gibt. Die Individualität des Textes besitzt nicht den Charakter der Unwiederholbarkeit des Ereignisses, der einen Dialog auszeichnet, in dem zwei Stimmen, zwei Wesen in Aktion zusammenstoßen, und nicht nur ein den Sinn artikulierendes und ein anderes ihn verstehendes Bewußtsein. Im geschriebenen Text, in dem, wenigstens vom Standpunkt des Autors, eine solche im Dialog bestehende Intentionsbewegung und -änderung unmöglich ist – der Text ist nämlich stets derselbe, obwohl sein Sinn es nicht ist –, ist die Ironie nur eine Latenz, eine Möglichkeit, ein Vorschlag für den Leser, seinen Sinn auf bestimmte, ironische Weise aufzufassen, die übrigens, wenn das ironische Verstehen realisiert wird, auch von einem Fall zum anderen verschieden sein kann, je nach den Umständen des Lesens und des Lesers. Dies bedeutet dann, daß hier entweder die Anwesenheit des Autors (als Quelle der Intention) im Text anders vorausgesetzt wird als in der mündlichen Ausführung oder,daß sie überhaupt nicht vorausgesetzt wird, sondern man mit der Aktivität des Lesers im Verstehen rechnet, sowohl bezüglich des Textes selbst, als auch bezüglich seines Zusammenhanges mit dem Kontext; die Intention des Autors wird durch die Intention des Textes selbst ersetzt, und der Autor ist mit seiner Intention abwesend und unfaßbar, wenn er auch im Text manchmal zu vermuten ist, so wie der Atem des Redners, von dem die mündliche Ausführung unmittelbar getragen wird, abwesend und unfaßbar ist.

Die unwiderrufliche Abwesenheit des Autors ist sein Tod, der jedoch den Text selbst nicht bedroht. Indem er seinen Autor überlebt, trägt der geschriebene Text seinen Sinn durch die Zeit; jedoch ist seine Übereinstimmung mit der ursprünglichen Intention des Autors dabei immer weniger gewiß, wenn es überhaupt je möglich war, sie festzustellen. Wenn der Autor wünscht, mit Ironie verstanden zu werden, soll er – da er immer mit seiner Abwesenheit im Text rechnen muß, so wie der Mensch mit seinem Tod rechnen muß – den Text selbst derart ausstatten, daß die Ironie trotz dieser Abwesenheit verstanden werden kann, wegen der die wirkliche Intention des Autors sonst im Prinzip ungewiß ist. Welche Mittel ihm zu diesem Zweck zur Verfügung stehen, aber auch, mit welchen Mitteln der Text gegen eine ironische Relativierung gesichert werden kann, ist bei der Erforschung der Ironie eine besonders provokative Frage, da kein Text an sich, vielmehr erst, wie gesagt, immer im Hinblick auf einen Kontext ironisch ist, und da es nicht vorauszusehen und unberechenbar ist, in was für Kontexten sich der Text befinden kann.

Im Falle einer mündlichen Artikulation, etwa im Dialog, kann das Subjekt der Artikulation als ein Wesen betrachtet werden, das durch viel Fäden mit der Situation und dem Augenblick verbunden ist, so daß es mit ihnen vereint ist – es ist anwesend als eingewurzelt in die Situation und eingetaucht in das Geschehen des Augenblicks. Dies bedeutet, daß Artikulationssubjekt, Situation und Augenblick ein Ganzes bilden, eine Einheit, die als solche auch zu analysieren ist, wobei das intentional aktive Bewußtsein des Autors nur als eines der Elemente zu betrachten ist, das an sich eine analytische Abstraktion darstellt; dabei sind die Versuchungen der Entgegensetzung von "Subjekt" und "Objekt" zu vermeiden. Das "Subjekt" ist als ein "verzweigtes" Subjekt aufzufassen, das immer schon in Berührung mit dem "Objekt" steht, erkennbar auch an der Art und Weise der "Verzweigung" unter die Objekte, und nicht nur an sich. Wenn man eine solche Einheit vor Augen hat, zeigt sich die Fähigkeit des Artikulationssubjektes in hellerem Licht, die Situation als Gebiet des Sinnes intentional zu aktivieren, was, wenn es auf entsprechende Weise ausgeführt wird, eine Vorbedingung für das Erscheinen der Ironie ist. Auch den Autor des schriftlichen Textes kann man auf analoge Weise zu betrachten versuchen, d.h. vereint mit dem Ganzen seiner Situation und seiner Zeit. Jedoch ist die derart entstandene Einheit immer gefährdet und bestreitbar, und zwar nicht nur, weil die schriftliche Formulierung mit der Situation und dem Augenblick durch eine andere Art von Fäden verbunden ist als die mündliche – das Schreiben eines Textes kann etwa unterbrochen und in immer neuen und veränderten Situationen fortgesetzt werden, was im Text Spuren hinterlassen kann, aber nicht muß –, sondern auch, weil die schriftliche Vermittlung der Intention des Autors auf die Abwesenheit des Autors verweist, darauf, daß sich Text und Autor auf eine Weise voneinander befreien, die im lebendigen Gespräch unmöglich wäre. Der Punkt, auf den das Verstehen auszurichten ist, ist der Text und nicht das Wesen des Autors (sein Geist, seine Seele), von dem der Text ausgegangen ist. Der Text kann auch als Zeichen für eine Äußerung des Wesens (des Geistes, der Seele) des Autors aufgefaßt werden, aber wenn man wünscht, einen unbeschränkten Relativismus im Verstehen und Deuten zu vermeiden, muß dieses "Zeichen" gemäß den Sprach- und Schriftregeln verstanden werden, die objektiv sind und den Leser an den Text binden, anstatt ihn auf das Wesen des Autors und seine Verbundenheit mit dem Ganzen einer Situation oder eines Augenblicks zu verweisen. Daher kann man von einer eigenartigen Selbständigkeit des Verfassers eines Textes im Verhältnis zur Situation sprechen. In demselben Sinne kann man von der Bestimmung des Autors durch den Text sprechen, anstatt, wie üblicherweise und im Gegensatz hierzu, von der Bestimmung des Textes durch den Autor.[1] Dies führt an die Schwelle zu antipsychologistisch ausgerichteten Betrachtungen über die "Einklammerung" des Autors, also über die phänomenologische Reduktion. Wenn es sich um den Einfluß des Situationskontextes auf den Text handelt, in dem durch diesen Einfluß die Ironie erscheint, dann kann derjenige, der in einer gegebenen Situation den betreffenden Text versteht und deutet, ebenfalls in seiner Einheit mit der Situation betrachtet werden und als rezeptives Bewußtsein nur insofern, als es in diesem Fall als analytische Abstraktion verstanden wird, die jedes Mal erst in der Faktizität der Situation konkret bestimmt ist.

Damit der Situationskontext auf das Verstehen des Textes wirken kann, muß er zunächst selbst in den Sinn "übersetzt" werden, der im rezeptiven Bewußtsein eigentlich wirkt. Diese "Übersetzung" vollzieht sich im rezeptiven Bewußtsein unter dessen aktiver Teilnahme. Es ist sowohl der Ausdruck des Ganzen der Existenz des Verstehenden, als auch der "Führer" dieser Existenz; durch sie wird es gebildet, aber es bildet sie auch selbst, so daß die Konstituierung des Situationskontextes in hohem Maße seine selbständige Aktivität ist und keinesfalls auf eine bloße Ausscheidung der objektiv anwesenden Beziehungen, die in einem bestimmten Sinn der gegebenen Situation resultieren, zurückgeführt werden kann. Die konstitutive Tätigkeit des rezeptiven Bewußtseins ist in dieser Hinsicht auch nicht streng durch die referenzielle Sphäre des zu verstehenden Textes beschränkt. Das den Text verstehende Bewußtsein ist in der Regel freier, da der Mensch sich immer durch das Ganze seiner Existenz in einer Situation befindet, in der sich das Verstehen des Textes, aber auch das Verstehen dieser Situation selbst zu vollziehen hat. Der Verstehende kann sich nicht völlig in die Gesamtheit seiner Beziehungen mit der "Welt" auflösen, er kann jedoch auch nicht als ein fest bestimmtes Subjekt, dessen Identität irgendwo und unabhängig von seiner Lage gesichert ist, aufgefaßt werden. Sein Verstehen des Textes ist immer durch sein Sich-Selbst-Verstehen in der Situation und sein Verstehen der Situation beeinflußt, und beides kann zur Konstituierung eines solchen Sinnes der Situation führen, daß der betreffende Text ironisch aufgefaßt werden muß – sei es deshalb, weil schon in seiner Intention (oder eventuell in der Intention seines Autors) enthalten ist, sich dem Verstehen zusammen mit einem solchen Verständnis der Situation aufzudrängen, sei es spontan durch den Willen des Zufalls, sei es infolge der bewußten Absicht desjenigen, der den Text versteht. Der Text kann sich nämlich einem entsprechenden Situationskontext anbieten oder aufdrängen, um darin ironisch aufgefaßt zu werden, aber er kann auch zufällig in ihn geraten; dann muß das rezeptive Bewußtsein auf bestimmte Weise diesen Kontext deuten, um den Text ironisch auffassen zu können. Die Ironie ist immer das Resultat eines besonderen Spiels der intentionalen Kräfte.

Es ist unberechenbar, was alles auf die Konstituierung des Sinnes der Situation wirken kann, die den Kontext, in dem ein Text verstanden wird, darstellt. Die gesamte Faktizität der Situation ist nicht nur unvorhersehbar, sondern auch prinzipiell unabsehbar in allen ihren Aspekten. Die von Edmund Husserl durchgeführten Analysen der Wahrnehmung zeigen dies am besten.[2 ]Aufgrund welcher Elemente der Situation und welcher ihrer wechselseitigen Beziehungen das rezeptive Bewußtsein ihren Sinn konstituiert, um ihn in Beziehung mit dem Sinn des zu verstehenden Textes zu bringen, ist selbstverständlich unmöglich im voraus theoretisch zu beantworten. Die "Situation" ist keine bedeutungsrelevante Entität, die irgendwie "kodiert" ist, sondern der Sinn wird aus ihr "herausgezogen". Diskutieren kann man nur über die Faktoren, die hierauf wirken.

Was ist zum Beispiel der Sinn der Situation: ein Schiff geht unter? Sie kann den Sinn haben: Gefahr für das Leben der Besatzung. Schon das Verhältnis zu dieser Gefahr kann sowohl positiv als auch negativ sein, abhängig z.B. davon, ob es sich um ein feindliches Schiff im Krieg handelt oder nicht. Für jemanden, der auf andere Art in dieser Situation eingewurzelt ist, der andersartig in dieses Geschehen eingetaucht ist, kann der Sinn ein völlig anderer sein: Schaden (weil die eingeschiffte Fracht untergehen wird); Mut (der Kapitän verläßt als letzter das Schiff); Gewinn (das Schiff ist günstig versichert); Vergnügen wegen der technischen Präzision (der Torpedo hat das seine getan); ästhetischer Genuß (eine erfolgreiche Filmaufnahme) und so weiter. Die Zahl der Gesichtspunkte, unter denen der Sinn aus dieser Situation "herausgezogen" werden kann, ist unendlich. Der Sinn hängt vom Gesichtspunkt ab, von der Art der Wahrnehmung und der Zugänglichkeit dieser oder jener Aspekte der Situation für die Wahrnehmung, vom Interesse, der Befindlichkeit, der Neigung und dem Wissen desjenigen, der die Situation deutet. Die Gesichtspunkte der Mutter des Kapitäns, des Konstrukteurs des Torpedos und des Direktors der Versicherungsanstalt z.B. sind sehr verschieden; jedoch nicht alle Mütter, wie auch nicht alle Konstrukteure oder Direktoren werden im gegebenen Fall die Situation auf dieselbe Weise verstehen und beurteilen, noch gleichartig darauf reagieren, und wie sie dies tun werden, hängt wiederum vom Ganzen der konkreten Umstände in jedem einzelnen Fall ab. Der Sinn, der aus der Situation "herausgezogen" wird, ist also immer auf der Faktizität gegründet, die nie bis zu Ende erforscht, noch durch eine endgültige Zahl von Termini beschrieben werden kann. In bezug auf diese Faktizität ist der Sinn einer Situation immer in hohem Maße "abstrakt". Wenn jemand in einer gegebenen Situation ausruft: "Ein herrlicher Untergang!", dann hängt der Sinn dieses Ausrufs davon ab, wie, simultan mit dem Verstehen des Sinnes dieses Satzes, der Sinn der Situation aufgefaßt wird. Es ist klar, daß diese Simultaneität und diese Abhängigkeit von der Art und Weise, wie aus der Situation ihr Sinn "herausgezogen" wird, auf das Ganze der Existenz desjenigen, der sich in dieser Situation befindet, verweisen und daß sein verstehendes Bewußtsein nur ein Moment seiner verzweigten Berührungen mit der Situation ist, so wie andrerseits sein Verstehen von den Beziehungen zum Ganzen der Situation abhängt. Dasselbe gilt mutatis mutandis auch, wenn es sich um das Verstehen eines geschriebenen Textes handelt. Die eventuelle "Verbalisierung" einer Situation, die "Übersetzung" aus dem Gebiet der nichtsprachlichen in das Gebiet der sprachlichen Verhältnisse und Beziehungen, setzt voraus, daß der Sinn der betreffenden Situation, als der auf das Verstehen wirkende Kontext, schon konstituiert ist. Dieser Sinn lenkt gerade die "Verbalisierung": er bestimmt die Intention des Diskurses, in dem der Sinn des nicht-textuellen Kontextes ausgesprochen oder in dem wenigstens der gemeinte Sinn eines solchen Kontextes vorausgesetzt wird, der dann nur im rezeptiven Bewußtsein anwesend ist, aber auf die gleiche Art, in der auch die sprachlich vermittelten Intentionen anwesend sind. Daher ist es schwer, Beispiele zu geben, die aufzeigen, welche Beziehungen zwischen dem Situationskontext und dem rezeptiven Bewußtsein bestehen, wenn sich der Sinn des Kontextes in diesem Bewußtsein konstituiert. Um ein solches Beispiel zu geben, muß man die Situation "verbalisieren", d.h. sie schon im voraus deuten, so wie es die Bedürfnisse des Beispiels verlangen. (Dies gilt auch dann, wenn man nicht wünscht, in der Interaktion des Situationssinnes und des Textsinnes das Vorhandensein von Ironie zu zeigen.) Es handelt sich gerade darum, die Möglichkeit einer verschiedenen Konstituierung des Sinnes des Situationskontextes vor und unabhängig von seiner Verbalisierung zu zeigen.

Der Einfluß des Verfahrens der Verbalisierung kann begrenzt werden, wenn es auf möglichst rudimentäre Zeichen reduziert wird - Brand, das Schiff geht unter u.a. - obgleich in einer solchen Reduktion die Situation kärglich und unvollständig vorgestellt wird; dies wirkt auch auf das "Herausziehen" ihres Sinnes zurück. Aber auch bei einer höchst rudimentären Verbalisierung kann die Situation sich nicht "an sich" zeigen. Ein Schiff geht unter verweist nicht auf die völlig gleiche Situation wie das Schiff geht unter, der Ausdruck Brand bedeutet nicht dasselbe wie Brand! Natürlich wird, je verzweigter die Beschreibung der Situation ist, je mehr Angaben über sie gegeben werden, die Rolle des Verfahrens der Verbalisierung immer größer. Eine eingehende Beschreibung der Situation muß aber nicht bedeuten, daß sich schon dadurch die Bestimmung des in ihr verborgenen Sinnes entweder leichter zeigt oder daß er dadurch konkreter ist.

In seiner kurzen Geschichte Die Vorüberlaufenden benutzte Kafka die prinzipielle Ungewißheit über den Sinn irgendeiner, sei es auch der gewöhnlichsten Situation als ein treffendes Bild des Schwankens bei der Bestimmung dieses Sinnes, indem er eine tiefere Erläuterung dieses Schwankens im Bereich der Andeutung ließ und sie einer eventuelle Deutung überließ. Die Geschichte lautet: "Wenn man in der Nacht durch eine Gasse spazieren geht, und ein Mann, von weitem schon sichtbar - denn die Gasse vor uns steigt an und es ist Vollmond - uns entgegenläuft, so werden wir ihn nicht anpacken, selbst wenn er schwach und zerlumpt ist, selbst wenn jemand hinter ihm läuft und schreit, sondern wir werden ihn weiter laufen lassen. Denn es ist Nacht, und wir können nichts dafür, daß die Gasse im Vollmond vor uns aufsteigt, und überdies, vielleicht haben diese zwei die Hetze zu ihrer Unterhaltung veranstaltet, vielleicht verfolgen beide einen dritten, vielleicht wird der erste unschuldig verfolgt, vielleicht will der zweite morden, und wir würden Mitschuldige des Mordes, vielleicht wissen die zwei nichts voneinander, und es läuft nur jeder auf eigene Verantwortung in sein Bett, vielleicht sind es Nachtwandler, vielleicht hat der erste Waffen. Und endlich, dürfen wir nicht müde sein, haben wir nicht soviel Wein getrunken? Wir sind froh, daß wir auch den zweiten nicht mehr sehn."

Eine Situation verlangt meistens von dem sich darin befindlichen Menschen, einen Entschluß zu fassen, nicht nur ihren Sinn zu beurteilen. Der Entschluß hängt aber in vielem gerade von dieser Beurteilung ab. Vor den Entschluß gestellt, sieht sich der Mensch mit der Rätselhaftigkeit der Situation konfrontiert. Jede Wahl eines Entschlusses ist nicht nur eine Möglichkeit für eine falsche Beurteilung des Sinnes der Situation – verfolgen beide der Laufenden einen dritten, oder wissen sie nichts voneinander, "und es läuft nur jeder auf eigene Verantwortung in sein Bett", oder...? –, sondern auch für eine Entscheidung, die uns oder einen anderen gefährden oder Unglück bringen kann, jemandem eine Schuld aufhalsen oder eine unvorhersehbare, bei Kafka natürlich immer ungünstige Kette von Ereignissen hervorrufen kann: der falsch aufgefaßte Sinn einer Situation steht, wenn der Mensch sich doch entschließt, das Rätsel ihres Sinnes zu lösen, am Beginn der Entscheidung, etwas zu tun, was nicht gerechtfertigt und auch nicht begründet werden kann, wenn versucht wird, wenigstens die Entstehung einer falschen Entscheidung zu klären; daß es keinen absoluten Maßstab gibt, nach dem der "wahre" Sinn einer Situation zu bestimmen ist, macht im Prinzip sogar jede Entscheidung problematisch, angreifbar, unbegründbar... Es ist kein Wunder, daß Kafka am Ende den Verzicht auf eine Entscheidung, den Rückzug "aus" der Situation und die Einwilligung zur Herrschaft der Rätselhaftigkeit "Glück" nennt. Da das menschliche Leben gerade in der Teilnahme an verschiedenen Situationen besteht, zu denen irgendeine Stellung bezogen werden muß, die also irgendwie gedeutet werden müssen, um in Einklang damit entsprechende Entscheidungen treffen zu können, sind Fehler und Mißverständnisse - gemäß der Parabel Kafkas und schließlich unabhängig davon - Möglichkeiten der Existenz, die durch nichts beseitigt werden können. Wenn es sich um Ironie handelt, ist es im Prinzip also immer möglich, daß die Erwartung, eine Situation werde auf eine bestimmte Weise gedeutet und dann auch eine Aussage oder ein Text dementsprechend ironisch aufgefaßt, nicht erfüllt wird, oder daß umgekehrt der Text "ernsthaft" verstanden wird, während doch die Deutung der Situation gerade in ein ironisches, "nichternsthaftes" Verstehen der betreffenden Aussage (Textes) führt. Die Angst vor Mißverständnissen dieser Art ist nicht unbegründet, umso mehr, als ihre Folgen nicht immer harmlos sind.

Die Bemühung, den Sinn eines Textes gegen alle Einflüsse des Kontextes und mögliche Mißverständnisse in dieser Sphäre völlig zu sichern, ist jedoch, wenn bis zu Ende geführt, nicht weniger gefährlich, wenn der Text zu diesem Zweck aus der normalen, einer kritischen Überprüfung unterziehbaren Rezeption herausgehoben wird und sich in einem bestimmten Gebiet in etwas Unberührbares verwandelt; in einer solchen Sicherung des Textsinnes gegen Mißverständnisse liegt immer der Keim eines spezifischen Dogmatismus und Fanatismus. Auf der semantischen Ebene des Problems ist die Verwandtschaft dieser prinzipiellen Fragen mit jenen, die mit der Ironie verbunden sind, groß – was durch diese Untersuchung, neben anderem, auch zu zeigen ist.

2. Mündlichkeit und Schrift

Das Verhältnis von Sprache und Schrift ist vor allem dank der "Grammatologie" von Jacques Derrida ein herausragendes Thema in den zeitgenössischen Erörterungen geworden. Derrida bemüht sich, uns davon zu überzeugen, daß die Entfaltung einer neuen Theorie der Schrift nicht nur eines unter vielen beschäftigungswürdigen Projekten, sondern vielmehr eine unabwendbare philosophische Aufgabe ist; dabei geht er von demjenigen aus, was er wie viele andere sich von Heidegger angeeignet hat: die abendländische Metaphysik hat sich vollendet, so daß neue Wege des Denkens zu finden sind.[3]

Die gewünschte "Dekonstruktion" sieht Derrida in einem neuen Durchdenken von Schrift und "Spur", wobei keines von beiden in Termini definiert werden kann, die ermöglichen würden zu wissen, womit man es zu tun hat, denn dies würde bedeuten, auch weiterhin in metaphysischen Grenzen eingeschlossen zu bleiben. Um heute "die Erbschaft aufzulassen"[4] ist es unumgänglich, eine Verschiebung in dem bekannten Zusammenhang vorzunehmen, in dem es möglich war, über Sprache, Wahrheit, Sein und Schrift nachzudenken, und neue Zugänge zu den Quellen, die das Denken überhaupt erst ermöglichen, zu eröffnen, indem man seine Worte "innerhalb einer Topik und im Rahmen einer geschichtlichen Strategie"[5] rechtfertigt. Eine gewisse Generalisierung und Verschiebung des Begriffs der Schrift scheint notwendig zu sein: "Dieser wäre nicht mehr unter der Kategorie von Kommunikation zu erfassen, zumindest wenn man sie im beschränkten Sinne als Übermittlung von Sinn versteht. Umgekehrt werden sich auf dem allgemeinen Feld der so definierten Schrift die Effekte semantischer Kommunikation als besondere, sekundäre, eingeschriebene, supplementäre Effekt bestimmen lassen."[6 ]

Derrida möchte das Erbe erschüttern, in dem die Schrift (aufgefaßt im geläufigen, üblichen Sinn) das Gebiet der Kommunikation erweitert, durch welches der Sinn ungestört übertragen wird wie durch ein kontinuierliches, sich selbst gleiches Milieu. Die Voraussetzung, die Derrida zufolge im Zusammenhang damit in Frage gestellt werden soll, ist die Homogenität des Raumes für diese Verbreitung.[7] Hier wird der Zweifel der "Textualisten" an dem Vorhandensein von etwas Fundamentalerem als der "gegebenen" Kommunikation sichtbar, von etwas das Verstehen und Deuten Beschränkendem, das sie wie ein fester Rahmen lenkt und bestimmt. Das Zeitalter der Metaphysik ist, sowohl nach Derridas als auch nach Heideggers Meinung, nötig. Sein bedeutet in ihm gegenwärtig sein, das Sein wird als Gegenwärtigkeit verstanden, die Metaphysik ist, trotz aller Unterschiede zwischen den einzelnen Philosophen, nach dieser Ansicht Metaphysik der Präsenz. Dadurch ist auch die Auffassung von Sprache und Zeichen bestimmt.

Aus Derridas Ausführungen ersieht man, daß er der Sprache eine entscheidende Bedeutung beilegt. Das metaphysische Zeitalter zeichnet sich, nach Derrida, durch Phonozentrismus bzw. Logozentrismus aus. Der Laut bzw. der Logos haben eine zentrale Rolle, da die Gegenwärtigkeit des Seins in ihnen am wenigsten vermittelt ist: das Bezeichnende und das Bezeichnete sind eine untrennbare Einheit, und im metaphysischen Rahmen kann darüber auch gar nicht anders gedacht werden. Die Schrift wäre demnach in diesem Rahmen zweifache Vermittlung: sie bezeichnet den Laut, der schon den Status des Bezeichnenden hat. Insofern ist die Schrift nur ein "Abbild" dessen, was im Ausgesprochenen und durch es ist. Der Logos, in dem sich Sinn und Wahrheit[8] konstituieren, geht dem Text voran, er ist für ihn etwas Äußerliches, was ihn als Träger des Sinnes, also als eine Reihe sprachlicher Zeichen des Sinnes, die durch schriftliche Zeichen in einer entsprechenden graphischen Reihe notiert sind, begründet.

Derridas Idee ist es, entgegengesetzt zu einer solchen metaphysischen Auffassung, deren Selbstverständlichkeit gerade aus ihrer Zugehörigkeit zur Metaphysik hervorgeht, die Ursprünglichkeit der Schrift, ihren Primat, zu zeigen. Das Sprengen des Logozentrismus soll zeigen, "daß es kein sprachliches Zeichen gibt, das der Schrift vorherginge".[9] Dazu eignet sich aber der bisherige Begriff der Schrift nicht; Derrida selbst sagt: "Der Phonologismus duldet so lange keinen Einwand, wie man die geläufigen Begriffe von gesprochenem Wort und Schrift, die das feste Gewebe seiner Argumentation bilden, weiter verwendet."[10] Deshalb muß bei der Suche nach dem Weg aus der Metaphysik die Schrift im engeren, alltäglichen Sinn von der Schrift im neuen "grammatologischen" Sinn unterschieden werden. Darauf weist Derrida mehrere Male hin," indem er über den "vulgären, das heißt ethnozentrischen Begriff der Schrift"[12] spricht. Dadurch, daß er den metaphysischen Horizont problematisiert, wünscht Derrida das Vertrauen, das dem Laut, dem Diskurs, der Rede erwiesen wird, zu problematisieren und den Anfang des Mißtrauens gegen den Buchstaben zu finden.

Die Frage dieses Vertrauens (und Mißtrauens) ist sehr alt. In Platons Phaidros äußert sich Sokrates über das geschriebene Wort sehr kritisch. Wie auch in anderen Fällen erzählt Sokrates zunächst die Erzählung aus der Antike vom ägyptischen Gott Theuth, der die Buchstaben erdacht hat, und vom König Thamus, der nicht im mindesten von dieser Erfindung begeistert war. Die Aufzeichnung durch Buchstaben wird, Theuths Meinung zufolge, die Ägypter weiser und ihr Gedächtnis reicher machen.[13] Als Vorzug der Schrift, oder wenigstens als ihre Grundeigenschaft, wird in vielen späteren Erwägungen die Beständigkeit des Aufgezeichneten, seine Konserviertheit für alle Zeiten, wenn auch nicht in jedem einzelnen Fall, so doch jedenfalls im Prinzip, unterstrichen. Die Aufzeichnung rettet vor dem Vergessen; das durch Schrift Aufgezeichnete wird, wie Paul Ricoeur sagt, "ein Archiv, das dem individuellen und dem kollektiven Gedächtnis zur Verfügung steht".[14 ]Thamus aus der Sokratischen Erzählung im Phaidros sieht darin keinen Vorzug. Im Gegenteil, er sieht eine Gefahr in dem leichtfertigen Vertrauen zur Schrift, die nur "von außen vermittels fremder Zeichen"[15] den Menschen erinnert, anstatt daß er sich selbst innerlich unmittelbar an den entsprechenden Inhalt erinnert. Indem sie sich auf das Aufzeichnen verlassen, werden sich die Lernenden keine Mühe geben, etwas im Gedächtnis zu behalten, und dies ist zweifelsohne nicht der Weg zur Weisheit. Aber es wird auf diese Weise der Schein geschaffen, man besitze die Wahrheit, und dann wird es schwierig mit denen, die dieser Einbildung unterliegen. Die Lehrer, die ihre Materie mündlich darlegen, mahnen oft ihre Zuhörer, ihre Darlegung nicht "mechanisch" und "ohne nachzudenken" in der Bemühung, nur jedes Wort zu "fangen", aufzuzeichnen, denn der Zweck des Unterrichts ist, den Inhalt der Vorlesung "im Kopf und nicht in Heften mitzunehmen. Daher ist es wichtig, daß die Zuhörer "aufpassen" und "nachdenken", während sie zuhören, und nicht bloß schreiben. In diesem gebräuchlichen und einfachen Beispiel verbergen sich viele, nach Derrida eigentlich wesentlich metaphysische Voraussetzungen. Die Frage ist, was es bedeutet, in der Tat durch die Schrift jemandens Wort zu "fangen", und was vom Ausgesprochenen überhaupt gefangen werden kann. Durch den Einwand des Thamus gegen Theuth, die Schrift diene im besten Fall als ein Mittel für das Erinnern, aber "nicht für die Erinnerung"[16], ist die wesentliche Möglichkeit des Fixierens und "Archivierens" eines Inhalts nicht widerlegt. Etwas schwarz auf weiß haben, gibt dem Menschen ein ganz anderes Gefühl der Sicherheit, als es die Erinnerung an jemandens Wort tun kann. Das schriftlich Bestehende ist nachprüfbar oder wenigstens auf eine andere Weise nachprüfbar als das bloß Ausgesprochene. Wenn ein gegebenes Wort, ein mündliches Geständnis oder eine Aussage so wie die Bescheinigung, das Protokoll, die Unterschrift verpflichten sollen, dann ist die Art und Weise, festzustellen, ob und was versprochen, gestanden, ausgesagt wurde, in dem einen und dem anderen Bereich gänzlich verschieden, so daß sich ein großer Teil der Rechtssysteme und -Überlegungen von jeher auf diese Frage bezieht, - etwa auf die Verläßlichkeit und Glaubwürdigkeit des (mündlichen) Zeugens und des (schriftlichen) Zeugnisses, auf deren Rolle und Kraft im Beweisprozeß, auf die Möglichkeiten, einer Täuschung vorzubeugen usw. Das Verbinden der Verpflichtung, die aus einer Aussage oder einer Gruppe von Aussagen hervorgegangen ist, mit der Tatsachen, daß diese Aussage bzw. Gruppe von Aussagen aufgezeichnet, aufgeschrieben ist, bestimmt wesentlich die Eigenschaften und die Grundlage ganzer Zivilisationen mit. Der Zweck der Aufzeichnung der verpflichtenden Aussage muß nicht bloß die Ermöglichung der Nachprüfbarkeit, ob die Aussage überhaupt gegeben ist und was sie enthält, dienen, sondern sie kann auch aus dem Wunsch entstehen, ihren Inhalt überall anwesend, weit und in verschiedenen Sprachen zugänglich zu machen, etwa zu Zwecken der Propaganda o.ä. Der mündliche zivilrechtliche Vertrag oder ein mündliches Testament sind gewöhnliche Erscheinungen, die auch relativ häufig vorkommen, aber eine mündliche Form für die Verfassung eines Staates oder für einen von verschiedenen Bedingungen und Finessen ausgefüllten und daher notwendig gegliederten Kodex wie z.B. das Strafgesetzbuch wäre in der politischen und juristischen Praxis kaum denkbar. Quintillian erwähnt auch derart formulierte verpflichtende Aussagen, also Normen, die auch zu gelten haben, obwohl sie nur ausgesagt sind. Symptomatisch ist indes, daß Heinrich Lausberg z.B., indem er in diesem Sinne vox und scriptum im Rahmen eines rhetorischen Handbuches einander gegenüberstellt, ohne dieses Verhältnis näher erforschen zu wollen, vox als "primitiveres Sprachmittel"[17] beurteilt. Es bedarf keiner langen Begründung, um in dem Weltverständnis, das wir haben, zu begreifen, warum er dies tut. Und doch kann die Frage gestellt werden: woher kommt eine solche Selbstverständlichkeit der Übermacht des Geschriebenen über das Gesprochene, sei es auch auf begrenztem Gebiet, wenn dasselbe globale Verständnis der Sache sozusagen in seinen Grundlagen gerade die Verdächtigung gegen die Schrift enthält? An diese Frage knüpft sich auch folgende an: wenn die Aufzeichnung tatsächlich vor dem Vergessen rettet, indem sie dem aufgezeichneten Inhalt Dauer und Transmission sichert, bedeutet dies auch, daß die Gesichertheit des gewünschten Sinnes, die Sicherstellung des entsprechenden Verständnisses, ewige Klarheit und Unzweideutigkeit dieses schwarz auf weiß fixierten Inhalts außer jedem Zweifel stehen? Daß diese Frage nicht voreilig beantwortet werden soll, beweist gerade das Bestehen von Ironie. Einen bestimmten Text versteht ein Leser mit Ironie, während ihn ein anderer wörtlich versteht und ohne irgendwelche Distanz seinen Inhalt so aufnimmt, wie er ihn verstanden hat. Gibt es eine Garantie, daß der eine recht hat und der andere nicht? Und worin würde sie bestehen? Nicht nur in der Empirie der einzelnen Verständnisse und im Chaos der Geschichte, mit allen Kontingenzen von beidem, sondern auch in rein theoretischer Hinsicht ist es nicht an und für sich gewiß, daß ein bestimmtes Verständnis des Textes gesichert, die Klarheit und Unzweideutigkeit verbürgt ist. Dies hängt von der Art und Weise der Formulierung des Textes ab, von der Art des Textes, von der Art des Kontextes, in dem der Text sich finden kann, von der Art des Lesers und des Lesens...

Wenn die Ansicht, daß das Geschriebene besser oder wenigstens sicherer als das Ausgesagte ist, mit folgenden weiter gefaßten Fragen verbunden wird: was bedeutet überhaupt primitiv?, ist denn der entwertende Beiklang, der dieses Epitheton begleitet, unumgänglich immer und in allem? – , dann erscheint diese Ansicht in einem neuen Licht. Diese Fragen führen zu den Grundbeziehungen zwischen dem Geschriebenen und dem Gesprochenen im geläufigen Verständnis der Dinge zurück. Gestellt wurden sie, was ganz selbstverständlich ist, von einem Ethnologen – Claude Lévi-Strauss. In seiner Strukturellen Anthropologie betont er, daß die negativen Merkmale, durch welche wir gewohnt sind, die Gesellschaften, mit denen sich die Ethnologie befaßt, zu unterscheiden – da wir von ihnen in der Regel sagen: Gesellschaften, die nicht zivilisiert sind, die keine Industrie haben, die keine Schrift haben, die also mit einem Wort "primitiv" sind –, jene positiven Merkmale verschleiern, an denen es der Anthropologie gelegen ist, nämlich die konkreten und unmittelbaren Beziehungen zwischen den Individuen, die dank der geringen Größe dieser Gesellschaften möglich sind. Was hier wichtiger ist, ist der Schluß von Lévi-Strauss, daß ein solcher Charakter der Beziehungen zwischen Einzelnen in den sogenannten primitiven Gesellschaften zu sagen verleitet, daß "eher die Gesellschaften des modernen Menschen durch ein negatives Merkmal definiert werden"[18] müßten. Den modernen Gesellschaften fehlt es nämlich an Authentizität. In ihnen sind "unvollkommene und unvollständige authentische Gruppen innerhalb eines viel weiteren Systems, auf dem der Siegel der Nichtauthentizität liegt, organisiert"[19], und als Hauptbeitrag der Anthropologie zu den Gesellschaftswissenschaften soll sich, Lévi-Strauss zufolge, der Grundunterschied zwischen einer solchen Lebensweise und jener, die "ursprünglich als traditionell und archaisch wahrgenommen" wird[20], und die die authentischen Gesellschaften kennzeichnet, zeigen. Lévi-Strauss sagt auch selbst, er wolle nicht den Wert der revolutionären Erfindung der Schrift bestreiten: "Aber es ist unerläßlich, sich darüber klar zu werden, daß sie der Menschheit etwas Wesentliches entzogen hat in der gleichen Zeit, in der sie ihr so viele Wohltaten brachte."[21] Die Indirektheit (Vermitteltheit) und die dadurch verursachte Nichtlebendigkeit vieler zwischenmenschlicher Beziehungen, die sich durch geschriebene Gebilde entwickeln, sind Merkmale des Lebens in der modernen Gesellschaft, die Sorgen bereiten, obwohl sie unumgänglich sind. Lohnt es sich, einen solchen Tribut zu zahlen, der nicht vermieden werden kann? – "Unsere Beziehungen zu anderen Menschen", sagt Lévi-Strauss, "sind nur noch sporadisch und fragmentarisch auf diese umfassende Erfahrung, auf das konkrete Verständnis eines Subjekts für ein anderes gegründet. Sie ergeben sich zum großen Teil aus indirekten Rekonstruktionen nach geschriebenen Dokumenten. Wir sind an unsere Vergangenheit nicht mehr durch eine mündliche Tradition gebunden, die einen lebendigen Kontakt mit Personen – Märchenerzähler, Priester, Weisen oder Alten – einschließt, sondern durch Bücher, die in unseren Bibliotheken lagern und durch die hindurch die Kritik – unter großen Schwierigkeiten – das Gesicht ihrer Autoren wiederherzustellen sich bemüht. Und in der Gegenwart haben wir mit der großen Mehrheit unserer Zeitgenossen durch alle möglichen Zwischenstufen – geschriebene Dokumente oder Verwaltungsmechanismen – Verbindungen, die unsere Kontakte zweifellos unendlich erweitrn, ihnen aber gleichzeitig einen nicht-authentischen Charakter geben."[22]

In dieser Kritik der "modernen Zeiten" gibt es jedenfalls viel Annehmbares. Dieselben oder ähnliche Themen sind auch in anderen Termini erörtert worden, von denen einer der bekanntesten die "Entfremdung" ist. Unter einer solchen Beschreibung versteht oder sucht man ein andersartiges Leben oder die Möglichkeit eines andersartigen Lebens, das nicht "unauthentisch" ist. Dabei soll allerdings nicht sogleich an die Rückkehr in die traditionellen und archaischen Gesellschaften gedacht werden. Darf man aber an die Rückkehr zur Mündlichkeit denken, darf man wenigstens von ihr träumen, wenn die eigene Gesellschaft, gegründet auf die durch die Schrift vermittelten Verhältnisse, schon in so hohem Maße an Authentizität verloren hat? Soll man überhaupt darauf bestehen, wenn es denn möglich wäre, daß der überwiegende Teil unserer Kontakte mit anderen Menschen unmittelbar und die Bindung an die Vergangenheit hauptsächlich Ergebnis verschiedener Arten mündlicher Tradition wird?

Lévi-Strauss ist natürlich zu nüchtern und vorsichtig, als daß er der allzu radikale Schlüsse ziehen würde, aber es handelt sich hier auch nicht vor allem um seine konkreten, übrigens schriftlichen Ausführungen (wie auch die Platons im Phaidros und anderswo), sondern um die Logik einer Position und um die tieferen Gründe, die daraus sprechen. Zweifellos besteht, wenn das Bild der Vergangenheit durch eine mündliche Tradition geschaffen wird, z.B. durch das Zuhören bei Erzählungen oder bei Erinnerungen der Alten, der Faktor der Unmittelbarkeit. Jedoch auch Lévi-Strauss selbst hat die entscheidende Rolle der Schrift nicht negiert, wenn auch zwar mit Vorbehalten für den Ethnologen[23], eindeutig aber für den "reinen Historiker".[24 ]Die "Geschichte" als Geschehen besteht selbstverständlich ganz unabhängig davon, ob über das Geschehene ein Bericht erstattet wird und ob dieser Bericht schriftlich ist. Aber die Historie als Berichterstattung über das früher Geschehene und als Beurteilung dieses Geschehens trägt nicht umsonst den anderen Namen Geschichte; diese Historie ist ganz anders, wenn sie nicht nur auf die Erzählung reduziert wird, sondern wenn "von Tagen der Lieb, und Taten, welche geschehen" schriftliche Denkmäler bestehen. Die verbreitete Auffassung, derzufolge die sogenannten schriftlicher Denkmäler ein "Kulturschatz" sind, der es ermöglicht, die Tradition und verschiedene "Identitäten" darin (nationale, politische, kulturelle, ideologische) zu erkennen, ist auch der Kritik zu unterwerfen. Wie die Vielheit ungelöster Probleme und offener Fragen in der Hermeneutik bezeugt, ist das Vorhandensein von schriftlichen Denkmälern an und für sich noch keine Garantie dafür, daß verschiedene Arten von Texten aus der Vergangenheit – im Moment des Lesens – in Wissenschaft, Geschichte, Kunstkritik, Philosophie oder Politik verstanden und benutzt werden können, ohne Zweifeln und Einwänden zu unterliegen. Indem er die Homogenität von Zeit und Raum, durch welche der Sinn des Textes bis zum abwesenden Leser "kommuniziert" werden soll, in Frage stellt, sieht Derrida die Deutung der Hermeneutik, derzufolge der kommunizierte Sinn im wesentlichen unverletzt bleibt oder jeder Schaden, den er erleidet, nur akzidentiell ist, in der ganzen Geschichte der Philosophie.[25] Eine solche Auffassung der Hermeneutik erweist sich indes als unkritisch, so daß das Unternehmen einer Überbrückung von Räumen und Zeiten durch das Verstehen eines Textes in seiner Sinnursprünglichkeit, sowie auch die Bedingungen für den Erfolg eines solchen Unternehmens immer von neuem zu überprüfen sind. Andrerseits wiederum muß man auch vor Augen haben, daß die archäologische Rekonstruktion des uralten Lebens, von dem schriftliche Denkmäler nicht erhalten sind oder in dem die Schrift überhaupt noch nicht vorhanden war, im Prinzip nicht unmöglich ist. Und doch – trotz gewisser Aussichten auf Erfolg und positiver Möglichkeiten der Erkenntnis der Vergangenen auch dann, wenn es keine Schrift gibt und obwohl es sie nicht gibt, trotz aller Bedenken und Schwierigkeiten, wenn (und obwohl) schriftliche Denkmäler vorhanden sind – gibt es keine Rückkehr zur allumfassenden Mündlichkeit, solange man in der geschichtlichen Welt lebt. Unabhängig von den verschiedenen Kritiken der Mittelbarkeit, die notwendig das Geschriebene begleitet, hat dieses für die Entstehung des geschichtlichen Bewußtseins, des Bewußtseins von der Geschichte, die Schlüsselbedeutung. Die Wahrnehmung einer eventuellen Diskontinuität des raumzeitlichen Milieus, in dem sich die Übertragung des Sinnes vollzieht, durch die seine Integrität gefährdet werden kann, widerlegt diesen Schluß nicht. Die Änderungen im Verstehen des Sinnes, seine Verwandlungen durch das Deuten, sind ebenfalls ein Faktor des historischen Bewußtseins, des Bewußtseins von der Geschichte. Das existentiell Einmalige und das geschichtlich Einmalige verbinden sich in der Interpretation und bestimmen sich wechselseitig in ihr.

Mit der Geburt des Menschen beginnt seine persönliche Zeit an einem Anfang. Aber in der Geschichte findet er immer etwas vor, von dem er ausgeht. Der Mensch lebt eingetaucht in die Zeit, und zwar so, daß seine persönliche Zeit, von der er weiß, daß sie in einem unbestimmten Moment der Zukunft aufhören wird, von der geschichtlichen Zeit umfaßt ist. Diese bestimmt die existentiellen zeitlichen Segmente, die den einzelnen Menschen zugesprochen sind, indem sie in diese mit ungleicher Kraft das epochale Zeichen einprägt; zugleich ist sie ihrerseits durch die Menge dieser Segmente auch selbst bestimmt. Das Eingetauchtsein in die historische Zeit umfaßt auch die Einschaltung des Subjekts in sie nicht nur auf der Ebene der bloßen Unmittelbarkeit, sondern auch auf der Ebene des historisch schon Gewesenen. Dieses letztere wird durch verschiedene Perspektiven des Vergangenen erreicht, die vom Gegebenen als seine Wurzel und mehr oder minder wirkungsvolle Stütze aktuell realisiert werden, also als das, was zum gewordenen Gegenwärtigen führt. Das Vorhandensein, die Arten und die Offenheit dieser Perspektiven in jeder konkreten Gegenwart hängen wesentlich vom Vorhandensein, von den Arten und der Zugänglichkeit der entsprechenden geschriebenen Denkmäler ab. Deren Verständnis bedeutet den Eintritt in eine schon vorhandene Kultur, und deren Bedeutung – die Orientierung in ihr, die auch die Wertung, also die Möglichkeit der Änderung und Entwicklung einbeschließt. Der Augenblick des Eintritts in das schon Vorhandene bestimmt also auch die Art und Weise, wie die Vergangenheit aus der Gegenwart sozusagen konstruiert wird. Abhängig davon, was von dem Gewesenen wahrgenommen und wodurch die gegebene Aktualität als schon Geschehenes wiedererkannt wird, wie auch davon, wie man in der konkreten Wahl zwischen den potentiell offenen Perspektiven, also zwischen vorhandenen Texten, in denen sich diese Perspektiven eröffnen, diese Texte deutet, wird sich das Bild der Vergangenheit in dem Moment, wo man stehenbleibt, um sie zu betrachten, ändern. Das Geschehene existiert, wenigstens für uns, nicht als solches, obwohl wir wissen, daß immer etwas unabhängig von uns "als solches" existiert. Das Geschehene zeigt sich in einer Wahl mittels dessen, wodurch es von sich als schon Geschehenem zu uns spricht, immer mit einer gewissen Ungewißheit. Die Geschichte in diesem Sinn wird nicht einfach von der Menge geschehener Tatsachen, sondern von dem Zusammenhang jedesmal neu geordneter Tatsachen gebildet, die in der Gegenwart auf eine bestimmte Weise gedeutet werden. Durch andere Deutungen und Deutungen anderer Texte (über dieselben oder andere "Tatsachen") wandelt sich dieser Zusammenhang in eine neue Ordnung.

In Verbindung damit sind einige Themen, mit denen sich die moderne Hermeneutik beschäftigt, interessant. So faßt z.B. Ricoeur die Interpretation der Texte derart, daß sie "mit der Selbstinterpretation eines Subjekts endet, das von diesem Augenblick an sich besser versteht, anders versteht, oder erst beginnt, sich zu verstehen".[26] In dem Buch Hermeneutik und Strukturalismus begründet Ricoeur diese Ansicht: zur Existenz kommt man nur auf einem Umweg, der über verschiedene Analysen der Sprache führt. Daher ist die semantische Beleuchtung jenes Begriffs der Interpretation, der allen hermeneutischen Disziplinen gemeinsam ist, unumgänglich. Die Suche nach den ontologischen Wurzeln des Verstehens, charakteristisch für die Heideggersche Analytik des Daseins, billigt Ricoeur als ein Ziel, nach dem man strebt,[27] aber erst dann, wenn dieser Umweg zurückgelegt ist. Auf ihm ergibt sich nämlich, daß eine bloß semantische Analyse "in der Luft schwebend" bleibt, solange das Verstehen nicht als ein Moment des Sich-Selbst-Verstehens erkannt worden ist. Ein Subjekt, das, indem es die Zeichen deutet, sich selbst interpretiert, wird – sagt Ricoeur –"zu einer Existenz, die vermittels der Auslegung ihres Lebens entdeckt, daß sie als ein Seiendes gesetzt ist, noch bevor sie sich selbst setzt und von sich Besitz ergreift".[28] Die Hermeneutik offenbart derart eine neue Art und Weise des Existierens, die Ricoeur als ein "Interpretiert-Sein" bestimmt, als eine immer schon irgendwie interpretierte Existenz.[29] Dies bedeutet, "daß die Welt der Zeichen verstehen ein Mittel ist, um sich zu verstehen; die Welt der Symbole ist der Raum der Selbst-Aufschließung".[30] Die Reflexion führt dabei nicht nur zu einem erweiterten Selbstverständnis, das durch das Verstehen des Anderen erreicht wird, durch das Verstehen und Aneignen von Zeichen, in denen sich das Leben geäußert hat, durch welche sich das Streben nach Existenz, der Wunsch zu sein, offenbart hat – sondern es führt auch zur Kritik des falschen Bewußtseins,[31] wie es in der Prätention des cogito sichtbar wird, das glaubt, sich selbst zu setzen und der Beginn von allem zu sein, während es jetzt durch die Reflexion belehrt wird, daß es eigentlich immer schon irgendwie gesetzt ist, daß es immer schon irgendwie existiert: die Psychoanalyse deutet das Subjekt durch den Wunsch und in einer eigenartigen Archäologie des Subjekts; die Phänomenoiogie des Geistes sieht den Sinn irgendwo vor dem Subjekt, also teleologisch; die Phänomenologie der Religion versteht es im Zeichen des Heiligen, eschatologisch usw. Jede dieser gegeneinander streitenden Interpretationen hat ihr eigenes Gebiet, ihre eigene existentielle Funktion.[32 ]Was geht aus der Verbindung der Betrachtungen über die "persönliche" und die geschichtliche Zeit mit Thesen wie diesen Ricoeurschen hervor? Es zeigt sich, daß die Tätigkeit des Menschen, die seine Existenz definiert, immer auch ein sehr bedeutendes Moment der Deutung desjenigen enthält, was als fixierte Sinnstruktur aus der Zeit herausgenommen ist, um durch seine Resistenz gegen die Vergänglichkeit gerade ein Zeugnis von der Zeit zu geben. Die unmittelbare Reflexion und die Reflexion des Unmittelbaren genügen nicht zur Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung des Menschen, sondern es ist die Vermittlung des Verhältnisses zu sich selbst durch Verstehen und Deuten der aktuellen Welt und nicht weniger dessen, was die Welt war, unumgänglich. Indem er die Vergangenheit der Welt kennenlernt, wird der Mensch auch selbst ein bestimmtes und der Geschichte gewachsenes Wesen. Möglich ist, daß er dabei das Vergangene nicht nur in der Dimension der "Gewesenheit" kennenlernt, sondern auch auf eine spezifische Weise nur als ein Element, das in das unmittelbar Anwesende eingebaut, mit dem Aktuellen verschmolzen ist.

Es geschieht nicht selten, daß die nähere Vergangenheit in größerer Dunkelheit liegt als die fernere. Die Rolle der Zahl und der Art der erhaltenen schriftlichen Dokumente ist am häufigsten entscheidend für die Erhellung vergangener Zeitalter. Die relative Nähe in der Zeit sichert nicht eo ipso die Einsicht in die vergangenen Geschehnisse; obwohl viel entfernter, können sie – falls sie aufgezeichnet sind – zugänglicher sein, und das Bild, das auf diese Weise von ihnen gewonnen werden kann, ist oft, bei allen Gefahren der Verfälschung, zuverlässiger.

Lévi-Strauss erklärt: "der Ethnologe interessiert sich besonders für das, was nicht geschrieben ist, nicht so sehr weil die von ihm untersuchten Völker nicht schreiben können, sondern weil das, wofür er sich interessiert, sich von allem unterscheidet, was die Menschen gewöhnlich auf Stein oder auf Papier zu fixieren lieben".[33] Selbst abgesehen von dem Gedanken, daß derart aus der Not eine Tugend gemacht wird, ist es eine große Frage – wenn eine solche Wahl überhaupt zulässig ist –, was die Bevorzugung desjenigen rechtfertigt, was die erforschten Völker wohl nicht zu fixieren lieben. Ist es nicht vielleicht besser, zu gestehen, daß die Verluste groß sind, als sich an dem Verlorenen uninteressiert zu geben, wenigstens wenn es sich um die Vergangenheit handelt? Wo ist es übrigens im voraus gegeben oder bestimmt, was den Wissenschaftler interessieren soll und was nicht, insofern er überhaupt über Sinn und Zweck der eigenen Forschungen nachdenkt – in den Gesellschaftswissenschaften müßte dies seine Pflicht sein und untrennbar von der Erforschung selbst – ? Wenn etwa das Kennenlernen des Lebens eines Urmenschen, eines "Nichtschreibers", möglich und für den Ethnologen interessant ist, dann entzieht sich das Selbstverständnis eines solchen Urmenschen in seinem eigenen Leben jedenfalls irgendwelcher Erkenntnis, zumal der wissenschaftlichen Bearbeitung. Auf diese Weise verschließt sich die Vergangenheit in einer ihrer wesentlichen Dimensionen, und zwar gerade die menschliche Vergangenheit. Die hervorragende Position der schriftlichen Denkmäler im Verhältnis zu anderen Materialien, die in dieser Hinsicht dem Forscher zur Verfügung stehen, und die Unersetzbarkeit solcher Denkmäler zeigen sich hier klar.

Was bedingt ein solches Verhältnis zur Schrift? Hat die "Uninteressiertheit" des Ethnologen für jenes, was "die Menschen gewöhnlich zu fixieren lieben", einen tieferen Hintergrund, oder handelt es sich um etwas logisch und notwendig aus der Natur der Sache selbst hervorgehendes? Der Grammatologe Derrida spricht von der Rousseauischen Bereitschaft von Lévi-Strauss, sich selbst, indem er auf die ursprüngliche und natürliche Güte des Volkes, das die Schrift nicht kennt, hinweist, "anzuklagen und zu erniedrigen",[34] um auch das Thema des "Übels und der Ausbeutung"[35] einzuführen, das die Entstehung der Schrift begleitete, und um die wesentliche Koinzidenz von Gewalttätigkeit und Schrift festzustellen.[36] Folgt nun hieraus, daß das Übel und die Ausbeutung mit der Geschichte bzw. dem geschichtlichen Bewußtsein verknüpft sind, für deren Formulierung die Schrift eine so große Bedeutung hat? Noch interessanter ist die Frage, ob das historische Bewußtsein durch den Logozentrismus möglich ist oder ihm zum Trotz, da die Schrift im "gebräuchlichen" und im neueren grammatologischen Sinn nicht dieselbe Rolle hat. Sind die der Interpretation zugrundeliegenden Entscheidungen und Beurteilungen, die – Derrida zufolge – im Falle Lévi-Strauss diesen "Rousseauischen Geist" bezeichnen, notwendig durch den metaphysischen Ausgangspunkt, also durch die Autorität des Logos, bestimmt?

All diese Fragen sind als Hintergrund für einige andere Fragen von Bedeutung, die für die Erforschung der Ironie nützlich und nötig sind: kann nämlich der Sinn im Verstehen und Deuten, obwohl nicht explizit bestritten, erschüttert oder gefährdet werden, und wie sieht dies in diachronischer und wie in synchronischer Perspektive aus? Bewahrt und schützt die Schrift den Sinn, oder ist ihre Wirkung umgekehrt? Diese Fragen im Lichte der früher angeführten zu betrachten, heißt, sie in ein weites Netz von verschiedenen untereinander verbundenen theoretischen Problemen einzuweben. Innerhalb eines solchen Netzes gewinnt die denkerische Arbeit am Problem der Ironie nicht nur an Vielseitigkeit, sondern vor allem an Konkretheit. Die Ironie untergräbt, erschüttert den Textsinn. Wie ist indes die Natur dieses Sinnes unabhängig von einer solchen Untergrabung aufzufassen? Um das Spezifische eines ironischen Textes zu verstehen, muß man erkennen, wie und auf welchen Voraussetzungen der Textsinn gebildet wird, wenn er sich nicht unter dem Zepter der Ironie befindet. Der ironische Sinn ist natürlich nicht unabhängig vom "nichtironischen" Sinn. Es wird also die Grundfrage nach der Stabilität des Textsinnes gestellt, vor und unabhängig von dem Effekt des ironischen Bedeutungsfaktors. Dieser Faktor selbst ist seinerseits ebenfalls erst dann zu verstehen, wenn ein entsprechendes Verständnis der Fragen nach der Identität bzw. Veränderlichkeit des Textsinnes besteht. Diese Fragen haben ihre semantische und ihre hermeneutische Dimension, was zum erwähnten weiteren Netz verschiedener theoretischer Probleme führt. Aber es ist nicht nur so, daß die einzelnen Gedankengänge, denen man hier begegnet, mehr oder minder die Betrachtung des Ironiephänomens beeinflussen, sondern vielmehr ermöglicht die Einsicht in dieses Phänomen erst eine vollkommenere und konkretere Betrachtung der umfassenderen mit der Natur des Textsinnes verbundenen Fragen.

Wie kann man noch an das Problem des Sinnes herantreten? Was kann helfen, den semantischen und theoretischen Aspekt dieses Problems allseitiger zu beleuchten? – Dort, wo der Standpunkt zur Vermittlung überhaupt negativ ist, wird er auch zur Schrift negativ sein. Die Sehnsucht nach der "Natürlichkeit" der Nichtvermitteltheit kann auch in einem anderen Aspekt als dem von Lévi-Strauss gefunden werden. Sie fügt sich dann auf eine andere Art und Weise in die Betrachtung über die Unumgänglichkeit des Logozentrismus im Zeitalter der Metaphysik ein, durch welche die Wurzeln der Wertung dieser "Natürlichkeit" erklärt werden. Ferdinand de Saussure etwa vertrat die Ansicht, daß die Schrift nur zu dem Zweck besteht, um die Sprache darzustellen.[37] Im geschriebenen Wort sah er das "Bild" des gesprochenen, wobei er betonte, daß die Bedeutung der Schrift überschätzt wird, da die Sprache unabhängig von der Schrift ist, sowohl hinsichtlich der Existenz eines Gleichbleibenden in ihr, als auch hinsichtlich des Veränderlichen. Die Einheit der Sprache sichert im Laufe der Zeit die Beziehung zwischen den Lauten, die seiner Meinung nach die einzige "natürliche" und "allein wirkliche" ist, und keinesfalls das graphische Bild des Wortes, das eine "lediglich künstliche Einheit" schafft.[38] Zu denken, die graphische Darstellung des Lautzeichens sei wichtiger als dieses Zeichen selbst, ist, nach de Saussure, dasselbe, wie wenn man glauben würde, zum Kennenlernen eines Menschen sei es besser, seine Photographie anstatt seines Gesichts zu sehen. In Überschätzung der Schrift zu vergessen, daß der Mensch zuerst sprechen und dann erst schreiben lernt, heißt, "das natürliche Verhältnis ist umgedreht".[39 ]

Aus demselben Geist schreibt André Martinet, wenn er erörtert, wie vom linguistischen Standpunkt das Wort von den übrigen Einheiten zu sondern ist. In diesem Kontext äußert er sich gegen den Glauben, daß "die Einteilungen des geschriebenen Textes eine wesentliche Bedeutung haben", und erinnert daran, "daß man immer von der mündlichen Aussage ausgehen soll, um die wirkliche Natur der menschlichen Sprache zu begreifen".[40 ]Zieht – Derridas Ausführungen gemäß – der offen ausgedrückte "Phonozentrismus" de Saussures den Logozentrismus seiner Konzeption der Sprache nach sich? Jonathan Culler hat auf die Unmöglichkeit einer eindeutigen Antwort auf diese Frage hingewiesen. Er erwähnt zunächst das Streben nach einer "kreativen Interpretation", die die ohnehin unlösbare Aufgabe ablehnt, mittels sprachlicher Zeichen zu den Bewußtseinsinhalten des Autors eines gesprochenen oder geschriebenen Textes vorzudringen; vielmehr strebt sie danach, "aktiv und ungehemmt"[41] Bedeutungen zu bilden, indem sie die Aufmerksamkeit nicht dem Bezeichneten widmet, wie es für den Logozentrismus charakteristisch wäre, sondern dem Bezeichnenden und besonders der materiellen Spur der geschriebenen Sprache. Diese Art der Interpretation bringt er in Zusammenhang mit de Saussures Erforschung des Anagramms, wobei er sich allerdings bewußt ist, wie weit diese von der aktiven und ungehemmten Erzeugung der Bedeutung entfernt ist und in welchem Maße sie von Saussures selbsthemmendem Verfahren abhängig ist, das auf das Wollen und Denken der Verfasser der analysierten Texte ausgerichtet war, das jedoch trotzdem "Reize einer bizarren und kreativen Interpretation"[42] gebracht habe. Viel wichtiger ist der andere Grund, weshalb de Saussures Verhältnis zum Logozentrismus zweideutig ist. Culler bemerkt, daß der klar hervorgehobene Vorzug der gesprochenen Sprache, der, ebenso wie die zweitklassige Rolle der Schrift, den Logozentrismus nachweisen soll, bei de Saussure nicht in Übereinstimmung mit seiner Grundidee steht, daß es in der Sprache eigentlich keine vor-artikulierten Begriffe oder Wesenheiten gibt, die, wie es logozentristisches Denken annimmt, sozusagen nachträglich durch ein System von Signifikanten ausgedrückt oder bezeichnet würden. Es gibt bei ihm auch weder Ideen noch Laute, die als Elemente der Sprache dem Sprachsystem vorausgehen. Weil sich die Signifikanten durch ihre Unterschiede wechselseitig bestimmen, gibt es auch kein selbständig und unabhängig Bezeichnetes, vielmehr besteht auch auf dieser Ebene nur ein Netz von Unterschieden. Die Verbindung eines einzelnen Signifikanten mit demjenigen, was er bezeichnet, ist willkürlich und wird erst innerhalb des Systems einer bestimmten Sprache notwendig, welches sanktioniert, wie etwas in ihr gesagt wird. Von Bedeutung ist hierbei, daß die Signifikate in verschiedenen Sprachen (d.h. dieses "etwas") sich auf verschiedene Weise aufeinander beziehen. Nicht nur, daß in einer Sprache etwas anders gesagt wird als in einer anderen, sondern es besteht auch keine verbindliche Identität bei der Abgrenzung dieses Etwas, auf welches als Bezeichnetes ein Bezeichnendes im Rahmen einer einzelnen Sprache, d.h. eines einzelnen Systems von Unterschieden, hinweisen soll. Die Gegliedertheit des Bezeichneten auf der Begriffsebene hängt von der konkreten Sprache bzw. dem sprachlichen System ab, und auch wenn zwischen Sprachen eine Ähnlichkeit oder eine teilweise Identität in solchen Gliederungen besteht, wird das Prinzip der Differentialität dadurch überhaupt nicht gefährdet. Es ist nicht durch das begriffliche Substrat der Sprache bestimmt; die Beziehung zwischen dem Bezeichnenden und dem Bezeichneten ist arbiträr, so daß also die Signifikate erst innerhalb des Systems und dank ihm identifiziert werden können.

Zu Ende gedacht, würde das Differentialprinzip wirklich jeden Logozentrismus auflösen. Derrida liegt selbstverständlich eine solche Sicht der Unterschiede (auf der Spur de Saussures) nahe, in der, wie bei Hjelmslev, die positiven, substantiell bestimmten Elemente, zwischen denen der Unterschied hergestellt wird, völlig verschwunden sind. Diese Sicht kommentiert er mit folgenden Worten: "Die erste Folgerung wäre, daß die bezeichnete Vorstellung, der Begriff, nie an sich gegenwärtig ist, in hinreichender Präsenz, die nur auf sich selbst verwiese. Jeder Begriff ist seinem Gesetz nach in eine Kette von Differenzen oder in ein System eingeschrieben, worin er durch das systematische Spiel von Differenzen auf den anderen, auf die anderen Begriffe verweist. Ein solches Spiel, die differance, ist nicht einfach ein Begriff, sondern die Möglichkeit der Begrifflichkeit, des Begriffsprozesses und -Systems überhaupt."[43]

Die Möglichkeit der Begrifflichkeit, die im Spiel der Unterschiede erreicht wird, bedeutet Abwendung von jedem Logozentrismus. Man kommt zu einem Punkt, an dem man behaupten kann, daß unabhängig von Sprache und textueller Produktion nirgendwo eine Grundordnung, eine verborgene Vernunft oder ein zuverlässiger und selbständiger Grund der Sinnhaftigkeit besteht, zu dem man, sei es durch die Sprache oder irgendwie anders als zu dem Ort der Wahrheit durchdringen könnte. Die Annahme irgendeines von der sprachlichen Artikulation unabhängigen Grundes, auf den sich die Erkenntnis gründen würde, als metaphysische Illusion (oder gar als gefährliche Obsession) zu erklären, ist die Devise des grammatologischen Kampfes der "Textualisten" gegen die "Logozentristen". Selbst aber, wenn das differentiale Prinzip angenommen wird, ist es weder ohne weiteres gewiß, daß der Kampf gegen den Logozentrismus gewonnen ist, noch daß es überhaupt möglich ist, ihn zu gewinnen. Schon ein flüchtiger Blick auf die strukturelle Semantik bezeugt dies. Trubeckoj hat in seinem bekannten Buch über die Phonologie hervorgehoben, daß die Anschauung, die sich der distinktiven Oppositionen bedient, nichts spezifisch Phonologisches enthält, und daß die Grundsätze, auf denen sie beruht, auf irgendein anderes System von Oppositionen angewendet werden kann.[44] Verschiedene Versuche, in diesem Geist auf der lexematischen und sublexematischen Ebene eine strukturelle Semantik aufzubauen, bzw. eine Theorie, die das "Wortfeld", "lexical field", beleuchten würde, gab es tatsächlich.[45] Es zeigt sich jedoch, daß die Abgrenzung der Lexeme in einem bestimmten Feld nach dem differentialen Prinzip bzw. eine gleichartige Abgrenzung der Felder gegeneinander nicht die volle Bedeutung des Lexems (bzw. des Inhalts des Feldes) erklären kann. Die Bedeutung eines Lexems bestimmen nicht ausschließlich seine Verhältnisse zu den Nachbarn im entsprechenden Feld. Das ganze Feld hat seine Grundbedeutung, die durch das "Archilexem" ausgedrückt wird – das übrigens nicht auch selbst in jedem Feld die Form eines Lexems haben muß –, und diese Bedeutung des Archilexems bestimmt als eine Art gemeinsamer Nenner die Bedeutung der Lexeme mit, indem es eine Grundlage bildet, auf der die einzelnen Glieder eines Feldes in Opposition gegeneinander treten können. Die Bestimmungen, die in bezug auf die gemeinsame Grundlage etwas Zusätzliches darstellen, bilden einen inhaltlichen Unterschied in der Bedeutung, einen Faktor der Abgrenzung im Zusammenhang des Feldganzen. Das Archilexem ermöglicht das Unterscheiden, aber es geht ihm als ein irgendwie an sich bestimmter Inhalt auch voraus. Selbst wenn es auf einer anderen Ebene eventuell auch selber nach dem differentialen Prinzip von anderen Archilexemen abgegrenzt ist, wirkt es auf "sein" Feld durch seine inhaltliche Bestimmtheit. Ohne Rücksicht auf die Ebene der Betrachtung ist es immer möglich, die Existenz eines solchen Begriffs, der umfassender als die Einheiten ist, die sich wechselseitig erst in der Korrespondenz mit ihm differentiell bestimmen, als unbemerkte Rückkehr des Logozentrismus dort, wo sonst das Spiel der Unterschiede am Werk ist, aufzufassen. Eine vollständigere Erhellung dieser Frage erfordert, von jener grundlegenden Sphäre auszugehen, in der die Bedeutung "entsteht", also von der strukturellen Analyse der sublexematischen Ebene.[46 ]

Die Tatsache, daß das System der Unterschiede in einer Sprache anders ist als in einer anderen, hat ungleiche Folgen auf der Phonem- und der Bedeutungsebene. Auf der Phonemebene ist es möglich, daß gewisse Lautmöglichkeiten in einer Sprache nie benutzt werden, weil diese Sprache bestimmte Phoneme einfach nicht kennt. Dort jedoch, wo aus den Beziehungen der Signifikate die Bedeutung hergestellt wird, gibt es keine unbesetzten Stellen. Obwohl die Gliederung der Begriffsebene in verschiedenen Sprachen nicht die gleiche ist, kann die Nichtübereinstimmung in dieser Hinsicht, etwa das Nichtvorhandensein einer bestimmten Lexemeinheit in einer Sprache, eine Periphrase überbrücken. Es ist möglich, sich standartisierte und gebräuchliche Periphrasen als die einmaligen, einzigartigen, dem konkreten Kontext angepaßten vorzustellen. Damit wird aber die Frage der Beziehung von differentieller und referentieller Betrachtung der Sprache gestellt; während sich im Vokabular einer Sprache einzelne Einheiten im endlosen Kreislauf wechselseitig bestimmen, unabhängig vom konkreten Gebrauch, zeigt die Übersetzung in das System einer anderen Sprache – die immer erst aufgrund des Systems der anderen Sprache möglich ist – dadurch, daß sie manchmal eine Periphrase erfordert, daß es möglich ist, den von einer bestimmten Intention getragenen Sinn zu übersetzen. Um etwas zu übersetzen, muß man wissen, was gesagt werden wollte, und nicht nur, was bei der Aussage dazu diente, diesen Willen zu realisieren. Für "tiefes Alter" im Serbokroatischen sagt man auf Deutsch "hohes Alter" – eine Verkehrung, bei der es natürlich nichts "Ironisches" gibt; beides drückt genau denselben Gedanken aus, bezeichnet genau denselben Sachverhalt: fortgeschrittene Jahre. Der Gebrauch der identischen Sprachelemente bei der Übersetzung – "hohes Alter" bzw. "tiefes Alter" – wäre gerade ein Verrat an diesem Gedanken, ein Entfernen von diesem Sachverhalt, oder würde gar zu völliger Unverständlichkeit führen. Wichtig, aber auch untrennbar sind beide Momente: sowohl dasjenige, was man sagen will, als auch die Mittel, dies im System einer bestimmten Sprache zu erreichen; das eine ohne das andere ist im konkreten Funktionieren der Sprache unmöglich. Dies sieht man am klarsten dort, wo eines der in einer Sprache verwendeten Sprach"mittel" in einer anderen als Analogon fehlt. Erst wenn es möglich ist festzustellen, was durch das in einer Sprache Gesagte intendiert ist, kann "dasselbe" in einer anderen Sprache ausgedrückt werden. Je umfassender und tiefer das Verständnis der Intention dabei ist, desto größer ist die Möglichkeit, daß die Reproduktion in der anderen Sprache sowohl sinnhaft als auch stilistisch treu wird. Dies bedeutet, daß man mit der Berücksichtigung der Intention das System der Unterschiede, langue, verläßt und in die Sphäre des Sprechens, parole, eintritt.

In der Informations- und Kommunikationstheorie können wir das geschlossene System, langue, auch Code nennen, im Gegensatz zur Mitteilung, welcher die konkrete Anwendung des Systems (Code) im Reden oder Sprechen (parole, discours) entspricht.[47] Nach der ursprünglichen Bestimmung bei de Saussure ist langue eine gesellschaftliche Institution, die den Einzelnen zur Verfügung steht und in die sie sich, wenigstens wenn es sich um die Muttersprache handelt, sehr tief eingewöhnen und sie in höchstem Maße als etwas Eigenes empfinden, etwas, wie de Saussure sagt, "das virtuell in jedem Gehirn existiert",[48] das aber trotzdem nichts Subjektives, sondern für jeden einzelnen Redner oder Verfasser etwas Äußerliches, "Objektives" ist. Weder Reden noch Verstehen sind ohne dieses System von Unterschieden (Code) möglich. Verstehen und Deuten bedeutet Verstehen und Deuten ausgehend von einem System; dieses ist sozusagen die Grundlage, von der die Formulierung ausgeht und die ihre Verständlichkeit, die Erkennbarkeit ihres Sinnes, bedingt.

 

3. Semiologie und Semantik

Kann man eigentlich über den Sinn sprechen, wenn man in der Immanenz des Systems verbleibt? Wann kann man tatsächlich über Bedeutungseinheiten zu sprechen beginnen, auf welchem Niveau auch immer, die in der Tat Bedeutungseinheiten sind, die also wirklich etwas bedeuten – Folgerichtig gedacht und bis zu Ende durchgeführt, hebt das Prinzip der Differentialität auf irgendeine Weise die inhaltlich positive Bestimmung der Elemente des Systems an sich auf, indem es die Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Beziehungen lenkt als auf jenes, was den sich aufeinander beziehenden Elementen vorausgeht und ihre Bestimmung ermöglicht. Dies bedeutet, daß die Zeichen im Sprachsystem keine Bedeutungseinheiten sind, die an sich etwas bedeuten, auf etwas hinweisen oder irgendwohin weiterführen, sondern nur differentiale Werte, die durch ihre wechselseitige Abgrenzung bestimmt sind. Als Gliedern des Systems kommt ihnen nur semantische Virtualität zu. Erst durch Anwendung, Gebrauch und Aktualisierung werden die Zeichen zu semantisch wirksamen Bedeutungseinheiten im echten Sinne. Damit dies aber geschieht, ist ein Artikulationswille nötig, jemand, der etwas sagen will und zu diesem Zweck dann auch das Sprachsystem bzw. die Sprache als System aktiviert. Es ist also nötig, daß dem unpersönlichen System gegenüber ein Subjekt erscheint.

Die Hjelmslevsche Analyse des Systems, die Benvenistesche Linguistik des Diskurses und die Husserlische Bedeutungstheorie vor Augen, trennte Paul Ricoeur mit Recht die Semiologie von der Semantik und begründete an mehreren Stellen in seinen Schriften die Notwendigkeit dieser Trennung.[49] Als Hauptstützpunkt diente ihm hierbei die Studie von Benveniste "La forme et le sens dans le langage".[50] Das Prinzip der Differenz, welches das System beherrscht, muß durch das Prinzip der Referenz, welches den Diskurs beherrscht, ergänzt werden. Das Wort, ein differentieller Wert im Wörterbuch, bedeutet im wahren Sinne etwas, wenn es gebraucht wird, also erst als Element des Satzes. Der Mensch spricht über etwas. Das, was er spricht oder schreibt, ist von seiner Intention geleitet, die den Willen, etwas zu sagen, die Ausrichtung auf etwas darstellt. Ricoeur fragt sich sogar, "ob die Unterscheidung zwischen dem Bezeichnenden und dem Bezeichneten außerhalb der Funktion der Referenz überhaupt noch einen Sinn hat". "Aber gewährleistet denn nicht gerade die Bedeutungsintention – die den Satz Schritt für Schritt jedem seiner Elemente und zunächst den Wörtern mitteilt – vermöge ihrer Transzendenzbeziehung die innere Einheit des Zeichens? Würden das Bezeichnende und das Bezeichnete wirklich zusammenhalten, wenn nicht die Intention der Bedeutung wie ein Pfeil durch sie hindurchginge in Richtung auf ein mögliches Relatum, das existiert oder nicht existiert?"[51 ]Diese Fragen warnen davor zu vergessen, daß die Sprache als System, in ihrer synchronen Statik, immer ein System für jemanden ist, der sich seiner bedient, also für ein Subjekt, das in der Zeit existiert und einen Willen zur Mitteilung, zur Kommunikation, zum Reden und Schreiben hat, der also auch immer ein Wille in der Zeit ist. Sowohl das Sprachsystem als auch das Subjekt sind einigermaßen analytische Abstraktionen, gesondert und unabhängig; dies aber soll nicht die Tatsache verdecken, daß sie immer zusammen bestehen: sogar die sogenannten toten Sprachen sind die Sprachen derjenigen Subjekte, die sich durch sie ausgedrückt haben; es gibt keine Sprache für niemanden.

Für die Frage nach der Identität der Bedeutung ist Ricoeurs Analyse des Verhältnisses zwischen Wort und Satz besonders interessant. Wenn das Wort erst mit dem Satz zu einer effektiven Bedeutungseinheit wird, ist es genauso wichtig, daß es den Satz, die Aussage, als etwas Momentanes, als Ereignis überlebt, indem es ins System (und in die semantische Virtualität) zurückkehrt und sich für einen neuen Gebrauch zur Verfügung stellt. Bei dieser Rückkehr ist es jedoch bereichert durch einen "neuen Gebrauchswert [...], so gering dieser auch sein mag".[52] Die Mehrdeutigkeit des Wortes im Vokabular kann Ricoeurs Meinung zufolge nicht nur auf der synchronen Ebene erklärt werden. Man muß das dialektische Verhältnis der Struktur und des Prozesses, der Synchronie und der Diachronie, des Systems und des Ereignisses betrachten. Das Wort ist imstande, neue Bedeutungen zu erhalten und dabei die alten nicht zu verlieren; es ist eine "kumulative Entität",[53] die sich durch einzelne Verwendungen erweitert und bereichert und dabei manchmal auch "überladen" wird.

Bei seiner Rückkehr in die Struktur muß das Wort wieder seinen Platz finden; deshalb sind die Erweiterungen seiner Bedeutung durch die wechselseitige Abgrenzung der Zeichen im System Schranken gesetzt. Es besteht also eine "limitative Wirkung des Feldes".[54] Man könnte im Einklang mit der Analyse Ricoeurs sagen, daß das Wort seine Erweiterung im System "erkämpfen" muß, denn das System muß diese Erweiterung erst sanktionieren. Die Mehrdeutigkeit des Wortes, die der Kontext im Gebrauch einengt oder ganz eliminiert – obwohl, fügen wir hinzu, dies von der Art des Textes abhängt; in den poetischen Texten vergrößert er sie auch, was auch bei der Ironie vorkommt –, ist eine "geregelte Polysemie". "Die Worte haben einen mehrfachen, doch keinen unendlich vielfältigen Sinn."[55] Die geregelte Polysemie ist "panchronischer Art",[56] hat also zugleich synchronischen und diachronischen Charakter, "insofern sich hier eine Geschichte auf Systemzustände projiziert, während die Systemzustände in dieser Sicht nur noch zeitlich begrenzte Querschnitte im Sinngeschehen, im Prozeß der Benennung darstellen."[57] Indem es sich zwischen dem Ereignis des Diskurses und dem System bewegt, vermittelt das Wort dem System eine "Kontingenz und eine Labilität, ohne die dieses sich nicht verändern könnte",[58] und gibt so der außerzeitlichen Struktur die "Tradition". In diesen Formulierungen finden sich zahlreiche Berührungspunkte mit den Anschauungen Michail Bachtins, die in seinem Buch Marxismus und Sprachphilosophie dargelegt sind. Entstanden in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts und veröffentlicht 1929 unter dem Namen V.N. Vološinow, blieb dieses Buch lange Zeit, bis zu den siebziger Jahren, im Westen, wo sich in der Linguistik und außerhalb ihrer der sogenannte Strukturalismus entwickelte, meistens unbekannt.[59 ]Bachtin sah zwei Grundrichtungen im philosophisch-linguistischen Denken: den "individualistischen Subjektivismus" – die Theorien im Geiste von W. von Humboldt und Vossler – und den "abstrakten Objektivismus" – die Theorien im Geiste von de Saussure. Nach den Eigenschaften, die er ihm beimißt, deckt sich der "abstrakte Objektivismus" in der Analyse Bachtins in hohem Maße mit dem Strukturalismus. Die scharfe Kritik, der Bachtin den abstrakten Objektivismus unterzog, wird nicht im Namen des individualistischen Subjektivismus geführt; beide Richtungen leiden nach Bachtins Meinung an ernsten Mängeln, so daß der russische Theoretiker sie in einer dialektischen Synthese überwinden wollte.[60 ]Wie erwähnt, sieht auch Ricoeur in der Analyse der Semiologie als der Wissenschaft von den Zeichen innerhalb eines Systems und der Semantik als der Wissenschaft von Gebrauch oder Anwendung dieser Zeichen die Möglichkeit des Verstehens der Mehrdeutigkeit der Wörter erst in der "Dialektik" des Systems und des Sprachereignisses, in dem das Wort seinen Platz im Satz einnimmt. Seine Einstellung zum Strukturalismus ist jedoch nicht wie diejenige Bachtins zum sogenannten abstrakten Objektivismus negativ. Für die Sprachtheorie Bachtins ist es wesentlich, daß er, seinen eigenen Worten nach, bemüht war, sowohl den proton pseudos des abstrakten Objektivismus, als auch den proton pseudos des individualistischen Subjektivismus zu beseitigen. Der Fehler des abstrakten Objektivismus besteht in der Entgegensetzung des Sprachsystems der normativen, selbstidentischen Formen zu der Aussage als etwas Individuellem, wodurch diese, wie Bachtin denkt, als unwesentlich vernachlässigt wird. Der Fehler des individualistischen Subjektivismus liegt hingegen darin, daß dieser, wenn er die Wichtigkeit des Sprachaktes, der Äußerung, hervorhebt, zugleich meint, daß er (bzw. sie) individuell sei, während nach Bachtins Meinung die individuelle Äußerung auch sozial ist. Nicht nur, daß sich die Redner eines gemeinsamen Vorrats an Zeichen bedienen, vielmehr ist auch die individuelle Formung dieser Zeichen in der Äußerung "gänzlich von den gesellschaftlichen Verhältnissen bestimmt".[61] Der individualistische Subjektivismus betont mit Recht die schöpferische Bedeutung der Äußerung, aber er begeht einen Fehler, wenn er denkt, daß ihre Sinnfülle aus der individuellen Psyche abgeleitet werden kann. Der gemeinsame Fehler des abstrakten Objektivismus und des individualistischen Subjektivismus besteht Bachtins Meinung nach darin, daß sie die Aussage monologisch auffassen. "Eigentlich ist das Wort ein zweiseitiger Akt",[62] es wird durch den Redner und den Zuhörer, durch Absender und Adressat, bestimmt. Dies wird aus der Analyse der Bedeutung und des Verstehens ganz klar: das wahre Verstehen ist aktiv und enthält immer wenigstens den Keim einer Antwort, wodurch es im wesentlichen dialogisch wird, während das passive Verstehen mehr ein Erkennen des Stabilen in der Bedeutung ist, was dieses dem bloßen Signal annähert; "eigentlich bedeutet die Bedeutung nichts, sie besitzt nur die Potentialität, die Möglichkeit einer Bedeutung innerhalb eines konkreten Themas",[63] also im Ganzen des Sinnes der konkreten Äußerung, die nur in der Unwiederholbarkeit des Augenblicks und des Kontextes, dem sie angehört, verstanden werden kann. Das Thema ist, Bachtins Terminologie zufolge, der Sinn der ganzen Aussage und als solcher unteilbar, und die Bedeutung bilden "alle jene Faktoren der Äußerung, die wiederholbar und selbstidentisch bleiben" und somit den "Apparat der Verwirklichung des Themas" darstellen.[64]

Interessant ist der Vergleich dieser Ideen mit einigen Ansichten von Jan Mukarovsky über die Bedeutungsstatik und -dynamik, die sich in der Studie Über die Dichtersprache aus dem Jahre 1940 finden. Mukarovsky (der in dieser Arbeit auch Vološinov erwähnt[65]) unterscheidet das Wort als statische Bedeutungseinheit mit seinem Bezug auf einen Gegenstand, dessen Bedeutung "auf einmal" und "vollständig" im Moment des Aussagens begriffen wird, und den Satz bzw. größere Bedeutungskomplexe als dynamische Einheiten, die als ein "allmählich realisierter Kontext" gegeben sind. "Die dynamische Einheit", sagt Mukarovsky, "als solche bloße semantische Intention, benötigt statische Einheiten zu ihrer Verkörperung; die statische Einheitb hingegen gewinnt erst im Kontext eine aktuelle Beziehung zur Wirklichkeit."[66 ] Ihr Verhältnis ist wechselseitig aktiv: die dynamische Einheit formt die statischen um, und diese üben ihrerseits einen Druck auf die Bedeutungsintention des Kontextes aus und geben dieser eine andere Richtung, wobei sie sogar nach völliger Verselbständigung streben.

Mukarovsky führt folgende Prinzipien der Satzkonstruktion an: die Einheit des Satzsinnes; die Bedeutungsakkumulation; die Oszillation zwischen der Bedeutungsstatik und der Bedeutungsdynamik. Dieselben Prinzipien gelten auch für höhere Sinneinheiten. So wie der Satz nicht nur eine syntaktische, sondern auch eine Bedeutungskonstruktion ist, so hat auch das Ganze des Textes seine Bedeutungskonstruktion. Die Erforschung seiner "dynamischen" Aspekte ermöglicht es, die bloße Analyse der "Komposition" zu überwinden, indem eine "semantische Geste" erkannt wird, die den Text als eine Bedeutungseinheit von den "einfachsten Elementen bis zu den allgemeinen Umrissen"[67] organisiert und die, obwohl "formal", eine konkrete semantische Tatsache ist, eine "Bedeutungsintention, wenn auch [eine] qualitativ unbestimmte".[68]

Die Einheit des Satzsinnes bei Mukarowsky kann trotz offenkundiger Ähnlichkeit nicht mit dem Thema und seiner Unteilbarkeit bei Bachtin identifiziert werden, da Bachtin nicht über Sätze, sondern über "Äußerungen" spricht, wodurch die Konkretheit der Situation und des geschichtlichen Augenblicks, dem die Äußerung angehört, mitumfaßt wird. Auch der konkrete Redner wird hier mitverstanden, besser gesagt: die immer unumgängliche Frage – wer spricht? Das ganze theoretische Opus Bachtins steht im Zeichen dieser Frage, worüber seine Analyse der "Polyphonie der Stimmen" in der Abhandlung über Dostoevskij[69] beredt zeugen, aber nicht minder auch seine mehr skizzierte als zu Ende geführte Theorie der Sprachgenres,[70] welche die Aufgaben einer Linguistik des Diskurses oder des Textes erfüllen soll. Diese Aufgaben sehen, wie man weiß, aus der de Saussureschen Perspektive nicht leicht lösbar aus.

Es ist auch zu bemerken, daß Roman Ingarden in seinen phänomenologischen Analysen neben der Einheit des Satzsinnes auch einen "Gesamtcharakter"[71 ]hervorhob, den die Schicht der Bedeutungseinheiten als Ganzes in Abhängigkeit von den Kombinationen der einzelnen Eigenschaften des Textes bekommt. Dieser "Gesamtcharakter" der Schicht der Bedeutungseinheiten in einem literarischen Kunstwerk nennt Ingarden auch den Stil des Textes. Unter der Voraussetzung, daß man das Ganze der Ingardenschen Konzeption der Schichten des literarischen Kunstwerks vor Augen hat, wäre es interessant und nützlich, eingehender zu vergleichen und tiefer zu analysieren, wie sich dieser "Gesamtcharakter", das Bachtinsche "Thema" und die in der Theorie von Mukarovsky enthaltene "semantische Geste" zueinander verhalten. Die Bedeutungsakkumulation, auf die Mukarovsky mit Recht hingewiesen hat, entsteht dadurch, daß die Bedeutungseinheiten im Satz allmählich verstanden werden, abhängig von der Folge, in der sie sich "reihen", und zwar folgendermaßen: "jede Einheit, die auf eine andere folgt, wird bereits auf deren Hintergrund und auf dem Hintergrund aller vorausgegangenen Einheiten aufgenommen, so daß bei Beendigung des Satzes der gesamte Komplex der Bedeutungseinheiten, aus denen sich der Satz zusammensetzt, im Sinne des Zuhörers oder Lesers simultan gegenwärtig ist."[72] Das Schema, das Mukarovsky gibt, sieht folgendermaßen aus:

a b c d

a b c

a b

a

Im Augenblick der Aufnahme der Einheit b befindet sich im Bewußtsein des Hörers (Lesers) schon die Einheit a, bei der Aufnahme der Einheit c kennt er schon die Einheiten a und b, wie auch den Komplex a-b, und so weiter. Es besteht kein Zweifel, daß die Reihenfolge, die die Art und Weise der "Akkumulation" der Bedeutung während des Lesens (Hörens) bestimmt, für das Verständnis wichtig ist, zumal wenn dieser Grundsatz auf das Verstehen des Ganzen des Textes angewandt wird. Die Analyse Mukarowskys erweist sich aber als ungenügend, sofern sie nicht durch die Analyse dessen, was Ingarden "Objektivierung"[73] nennt, vervollständigt wird. Diese Analyse ist jedoch nur aus einer phänomenologischen Perspektive möglich. Die Sätze haben, der Ingardenschen Theorie zufolge, ihre intentionalen Korrelate: intentional bestimmte Sachverhalte. Die Verbindung dieser "Sachverhalte" ergibt zunächst einzelne intentional begründete Gegenständlichkeiten und im Endresultat das Ganze der dargestellten "Welt" des Textes (bzw. des literarischen Kunstwerks). Diese "Welt" bildet eine besondere Schicht des Werkes. Die Ordnung dieser "Welt" unterscheidet sich von der Sukzession der Sätze. Die Ordnung, in der die Sätze und ihre intentionalen Korrelate erscheinen, ist jedoch dieselbe. Die Sätze beziehen sich auf verschiedene Aspekte einer Gegenständlichkeit, eines Ereignisses oder des Ganzen des dargestellten Geschehens; eine Vielheit von Sätzen – die auch sehr weit entfernt voneinander stehen können – bezieht sich auf dieselbe Sache, oder die Sätze folgen einander und verweisen auf verschiedene Sachen, die in der dargestellten "Welt" des Werkes nicht unmittelbar verbunden sind. Das Verfahren, durch das man von den einzelnen intentionalen Sachverhalten als den Korrelaten einzelner Sätze zu den dargestellten Gegenständlichkeiten, Ereignissen usw. als den Ganzheiten der "Welt" des literarischen Kunstwerks als Ganzem gelangt, nennt Ingarden "Objektivierung". Sie hat semantischen Charakter, da durch sie verschiedene Einzelheiten, die durch einzelne Sätze intentional projiziert sind, zu einem Ganzen verbunden werden, und zwar nicht additiv, sondern auf eine Weise, die zur Einheit führt.[74] Das Ordnen der dargestellten "Welt", das allererst ihre Wahrnehmung ermöglicht, das Verfolgen der dargestellten Geschehen in dieser "Welt" und das Verstehen ihres Sinnes, ein eventueller ästhetischer Genuß usw. stellen also eine besondere Aktivität des Lesers beim Verstehen der Bedeutungseinheiten verschiedenen Niveaus dar. In dieser Aktivität berücksichtigt der Leser nicht nur die Aufeinanderfolge der Sätze, sondern auch die Logik, welche den durch das auf eine bestimmte Weise geordnete ("komponierte") semantische Material gegebenen Inhalten eine Verbindung aufzwingt. Der Unterschied zwischen dem Verstehen, das durch die Aufeinanderfolge der Bedeutungseinheiten geleitet wird, wobei es zu der Akkumulation kommt, von der Mukarovsky spricht, und dem Verstehen, das durch die Logik der Verbindung einzelner Satzkorrelate zu entsprechenden gegenständlichen Ganzheiten und deren Verbindung zu dem Ganzen der dargestellten "Welt" geleitet wird, in dem also die "Objektivierung", von der Ingarden spricht, vollzogen wird, zu berücksichtigen, ist gerade bei der Erforschung der Ironie sehr wichtig, da diese auch aufgrund der Nichtübereinstimmung der dargestellten "Welt", die durch die Aufeinanderfolge der Sinneinheiten konstituiert wird, mit der "Welt", die zwar auf denselben Bedeutungseinheiten beruht, aber konstituiert wird durch die Logik, die sich in der Objektivierung manifestiert, erscheinen kann.

Die Rolle des Lesers, der mit der Unumgänglichkeit konfrontiert ist, beim Lesen die Objektivirung durchzuführen, ist verhältnismäßig groß, so daß sein Verständnis (und auch sein Verständnis der Ironie) in vielem von der Fähigkeit abhängt, sich von den einzelnen Korrelaten zum Überschauen des Ganzen der "Welt", die sie bilden, zu erheben, indem er dieses Ganze im Objektivierungsvorgang aus dem Bedeutungsmaterial des Textes konstituiert. Der zeitliche Charakter des Lesens, dem Ingarden außerordentlich subtile Analysen gewidmet hat,[75] spielt dabei eine bedeutende Rolle. der Bedeutungskonstruktion des Satzes, das Mukarovsky erwähnt, – Oszillation zwischen der Bedeutungsstatik und der Bedeutungsdynamik – entspricht teilweise der Bachtinschen Unterscheidung zwischen Thema und Bedeutung, weicht aber teilweise auch von ihr ab. Mukarovskys Worten zufolge zielt jede Bedeutungseinheit in der Satzbindung darauf, "einen unmittelbaren Sachbezug zu der Wirklichkeit anzuknüpfen, die sie als solche bedeutet"; "andererseits ist sie durch den Zusammenhang des Satzes als eines Ganzen gebunden und knüpft erst mittels dieses Ganzen eine Beziehung zur Wirklichkeit."[76] Der Strukturalist Mukarovsky gesteht also zu, daß das Wort in seiner Funktion als Benennung auch außerhalb des Diskurses "eine Wirklichkeit bedeutet". Auch für ihn sind die Bedeutungsstatik und die Bedeutungsdynamik Grundlage einer "dialektischen Antinomie jedes Bedeutungsprozesses".[77] Die Oszillation zwischen Statik und Dynamik bestünde also in der "Polarität zwischen Benennung und Kontext, die in verschiedenen Fällen unterschiedlich gelöst werden kann".[78] Darin liegt auch der Unterschied zu Bachtin, der, wie auch Benveniste und Ricoeur, das Semiologische vom Semantischen trennt, wenn auch nicht in diesen Termini. Bei Bachtin bedeutet, wie wir gesehen haben, die Bedeutung an sich nichts, sondern sie "besitzt nur die Potentialität, die Möglichkeit einer Bedeutung innerhalb eines konkreten Themas". Das Thema ist jedoch ein "komplexes dynamisches System von Zeichen, das versucht, einem gegebenen Augenblick des generativen Prozesses adäquat zu sein",[79] eine Reaktion des werdenden Bewu